30 Jahre Historikerstreit : Ernst Nolte, der Talmudist

Der Historiker und Philosoph Ernst Nolte, der vor zehn Tagen starb, stand im Zentrum des Historikerstreits. Auch israelische Kollegen rieben sich an ihm. Auf manche wirkte er eine Zeit lang auch faszinierend. Ein Essay

Moshe Zimmermann
Ernst Nolte (links) und Moshe Zimmermann im Jahre 1992 beim Gespräch im Garten von Noltes Haus. Zimmermann ist Historiker und Direktor des „Richard-Koebner-Center for German History“ an der Hebräischen Universität Jerusalem.
Ernst Nolte (links) und Moshe Zimmermann im Jahre 1992 beim Gespräch im Garten von Noltes Haus. Zimmermann ist Historiker und...Foto: privat

Also sprach Ernst Nolte, als der „Historikerstreit“ vorbei war: „Es gibt keine politischen Denker, denen ich mich intellektuell näher gefühlt hätte als Ernst Fraenkel, Richard Löwenthal und insbesondere Jacob Talmon, dem ich mein Buch ,Marxismus und Industrielle Revolution’ widmete, erschienen 1983, als sein Tod die geplante Wiederbegegnung in Jerusalem unmöglich gemacht hatte.“ Typisch: Nolte, der an der Einzigartigkeit der Shoah gerüttelt hatte und deshalb unter Beschuss (auch) aus jüdischer Ecke geraten war, griff zu einer Taktik, zu der Antisemiten so oft greifen: Meine besten Freunde sind Juden.

Nolte war meines Erachtens kein Antisemit, auch wenn er gelegentlich Argumente aus dem Arsenal der Antisemiten als Schützenhilfe holte. Er hatte aber ein echtes Problem, wenn es um die Rolle der Juden in der Geschichte ging. So hatten wir, jüdische Historiker, auch ein Problem mit Nolte. Mich persönlich beunruhigte das obige Zitat, weil Jacob Talmon – einer der größten israelischen Historiker – mein Doktorvater, mein Mentor war. Talmon, Verfasser des bahnbrechenden Werks „Ursprünge der totalitären Demokratie“ (1952) empfand tatsächlich, das habe ich von ihm direkt erfahren, eine große Nähe zu Nolte, dem Verfasser von „Faschismus in seiner Epoche“ (1963). Ja, Talmon, der sich der Erforschung der Similaritäten zwischen sozialistischem und nationalistischem Totalitarismus widmete, ebnete praktisch den Weg für einige von Noltes Thesen.

Als Nolte im Herbst 1981 auf Einladung der Hebräischen Universität nach Jerusalem kam, war Talmon bereits verstorben. Was aber Nolte in Israel in dieser Phase des Kalten Krieges vorfand, war die Tendenz, Nazismus, Faschismus und Kommunismus in einem Negativpaket zusammenzufassen – eine Tendenz, die seit der Wende 1977 (als der Likud die Regierung übernahm) sich weiter verschärfte. Nolte fühlte sich also in Israel als Vertreter der Kommunismus-Faschismus-Analogie quasi zu Hause. Dass er mit der Analogie zu weit ging (Gulag-Auschwitz), konnte man zwar spätestens nach Erscheinen seines Buches „Deutschland und der Kalte Krieg“ (1974) wissen, aber trotzdem war es nur der Faschismus-Experte Zeev Sternhell, der sich mit Nolte während dessen Aufenthalts in Jerusalem angelegt hatte. Ich weiß nicht, ob Talmon, wenn er noch am Leben gewesen wäre, sich in den Historikerstreit fünf Jahre später eingemischt hätte, aber ich bin sicher, er hätte sich dagegen gewehrt, als Noltes israelischer Groupie präsentiert zu werden.

Wir israelische Historiker waren Anfang der 80er Jahre nicht hellhörig genug

Im Nachhinein muss ich zugeben: Wir israelische Historiker waren Anfang der 80er Jahre nicht hellhörig genug. Ich kann mich erinnern, wie bestürzt ein Doktorand von mir über Noltes Aufsatz „Between Myth and Revisionism“ im Sammelband „Aspects of the Third Reich“ (1985) war. Doch die Alarmglocken schrillten bei den Kollegen nicht, obwohl dieser Text als Vortrag von Nolte schon vor seinem Israel-Besuch gehalten worden war. Weder Helmut Kohls Bonmot von der „Gnade der späten Geburt“, mit der er seinen ersten Besuch in Jerusalem als Kanzler antrat (1984), noch die Zeremonie auf dem Militärfriedhof Bitburg ein Jahr später konnten die Israelis wachrütteln, denn es war Kohls Vorgänger Helmut Schmidt, den man seit der Auseinandersetzung mit Menahem Begin 1981 für den gefährlicheren Israel-Gegner hielt. Der Historikerstreit begann ein Jahr nach Bitburg und „Between Myth and Revisionism“, und nun waren auch israelische Historiker wie Saul Friedländer und Dov Kulka mit dabei. Doch die für uns Israelis provokanteste These Noltes stand noch nicht im Mittelpunkt.

Heinrich August Winkler war – wenn ich mich richtig erinnere – der Erste, der im Vorfeld des Historikerstreits mit einem Leserbrief auf diese provokante These Noltes reagierte, wonach eigentlich die Juden selbst schuld an ihrer eigenen Verfolgung während des Zweiten Weltkriegs waren, und zwar nicht im Zusammenhang mit den Verbrechen des Sowjetregimes, sondern wegen der Haltung der Zionisten. Nolte griff die Behauptung auf, „die Juden“ hätten, zwei Tage vor dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, Deutschland den Krieg erklärt und somit zumindest die Internierung in Gefangenenlager als Antwort verdient.

Dieser Vorwurf kam nicht von ungefähr. In einem Tischgespräch vom 24. Juli 1942 erklärte Hitler, es „dürfte nie vergessen werden, dass das Weltjudentum nach der Kriegserklärung ... Chaim Weizmanns in seiner Botschaft an ... Chamberlain ... der Feind Nummer 1“ sei. Diese absurde Behauptung wurde vom Holocaust-Leugner David Irving aufgegriffen und fand sich nun auch bei Nolte: Tatsächlich schrieb Weizmann an Chamberlain am 29. August1939, nach dem soeben verkündeten Hitler-Stalin-Pakt: „Ich möchte auf das ausdrücklichste die Erklärung bekräftigen, die ich und meine Mitarbeiter während der letzten Monate und besonders in der letzten Woche abgegeben haben: dass die Juden bei Großbritannien stehen und an der Seite der Demokratien kämpfen werden.“ War das aber eine Kriegserklärung?

Er landete bei dem Vorwurf „Der Jud’ ist schuld“

Nolte landete dort, wo Antisemiten oft landen, bei dem Vorwurf nämlich „Der Jud’ ist schuld“; Hitler hätte auf Weizmann nur „zurückgeschossen“. Während des Historikerstreits blieb dieser Vorwurf etwas unterbelichtet, denn bei der Fülle von Angriffsflächen, die Nolte mit seinen Behauptungen bot, konnte diese Provokation nicht die größte Aufmerksamkeit auf sich lenken. Es war an erster Stelle die Relativierung des Holocausts und somit die Relativierung der Einzigartigkeit des deutschen Verbrechens im Dritten Reich, die die Gemüter bewegten. Hinzu kam, dass nach Noltes Interpretation die Verbrechen der Bolschewiken nicht nur die Verbrechen der Nazis, inklusive des Mordes an den Juden, relativierten, sie wurden zur Ursache für den gesamten Komplex Nationalsozialismus umgemünzt! Darum kreiste der Streit hauptsächlich, nicht um Weizmann und die „Kriegsschuldfrage“.

Als professionellen Historikern war uns damals jedoch wichtig, auf einen gravierenden Denkfehler in der „Kriegserklärungsthese“ hinzuweisen. Abgesehen davon, dass Weizmann im Jahr 1939 nicht für einen Staat, auch nicht für die gesamte jüdische Bevölkerung der Welt sprechen konnte, ging es auch hier vor allem um die kausale Konstruktion. Henne und Ei. Denkt man kausal, so beginnt die kausale Kette nicht am 29. August 1939 mit Weizmanns Brief an Chamberlain (der sowieso bei der Entscheidung, Polen anzugreifen, keine Rolle spielte), sondern viel früher. Hitler, Irving und Nolte ignorierten mit ihrem kausalen Konstrukt die Tatsache, dass Nazi-Deutschland seit dem 30. Januar 1933 einen Krieg gegen die Juden führte – die deutschen Juden wurden verfolgt, und eine „Lösung“ für die „Judenfrage“ wurde auch außerhalb Deutschlands angestrebt.

Gab es für eine jüdische Organisation, nämlich die zionistische Organisation, nach den Nürnberger Gesetzen, nach der „Reichspogromnacht“, nach Hitlers Rede vom 30. Januar 1939, eine Alternative zur Bekundung ihrer Unterstützung für die Demokratien (obwohl Großbritannien in Palästina die Einwanderung von Juden ab Mai 1939 auf das Minimalste eingeschränkt hatte)? Vielleicht widersprachen wir, Historiker in Israel, nicht energisch genug, weil wir wussten, dass unsere Logik die innere Logik der Revisionisten und Shoah-Leugner in Deutschland sowieso nicht aufbrechen kann: Hitler hat ja in seiner Rede vom 30. Januar 1939 die Vernichtung der Juden als Vergeltung angekündigt, für den Fall, dass „die Juden“ den Krieg entfesseln. Man kann also nach dieser inneren Logik syllogistisch argumentieren, dass die Schuld trotz allem bei den Juden lag.

Wir in Israel waren auch nicht aufmerksam genug, als Nolte bei seiner Attacke auf die „Geschichtsinterpretation der Sieger über Deutschland“ auf das Beispiel Palästina zurückgriff, um die Fehlbarkeit dieser Interpretation zu unterstreichen – falls die Palästinenser den Krieg gegen Israel gewinnen, werden sie die Geschichte des Nahostkonflikts entsprechend konstruieren. Damit setzte Nolte die Situation der Alliierten mit der der Palästinenser, Deutschland mit Israel gleich.

Das viele Ja-Aber machte ihn manchmal faszinierend

Somit sind wir beim Kern der Sache. Nolte war nicht nur ein geschickter Relativist, sondern argumentierte gern auf eine Art, als hätte er den Talmud studiert. Oft konnte er Vorwürfe gegen eine seiner Thesen zurückweisen, indem er auf eine Formulierung zwei Seiten weiter oder anderswo hinwies, die die angegriffene Stelle relativierte oder verharmloste. Auch bei der „Kriegsschuldthese“ fand er in seinem Aufsatz „Eine bloße Umkehrung“ einen raffinierten Ausweg. Das viele Ja-Aber machte ihn manchmal faszinierend.

Als die Mauer fiel, besuchte ich ihn in seinem Wohnsitz auf dem platten Land, um zu erfahren, ob er nach dem Ende des Kalten Krieges sich Gedanken über die Provokationen aus der Historikerstreit-Ära macht. Dabei war mir das Thema Israel wichtig, denn in seinem Buch „Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert“, das gerade erschien, behandelte er Israel, neben Deutschland und der UdSSR, als „außerordentlichen Staat“. Ein Jahr später, 1992, wollten auch meine Studenten das Phänomen Nolte kennenlernen; wieder waren wir bei ihm zu Hause zu Besuch (siehe Foto), und wieder zeigte sich der uns gegenüber freundliche Ernst Nolte mit seiner quasi talmudischen Spitzfindigkeit – resistent gegen die ihm allzu bekannten Vorwürfe, das Thema Weizmann mit eingeschlossen. Die Studenten waren verblüfft: Ist er Zyniker, blauäugig oder einfach ein Dickschädel?

Dass Analogien eine unumgängliche Methode des Historikers sind, wussten wir genauso wie er. Als Nolte in Israel war, besuchte er auch die Universität Bir-Zeit in den damals seit 14 Jahren besetzten palästinensischen Gebieten. Er kannte Israels Schwächen und wusste, dass die meisten israelischen Historiker, inklusive ich selbst, die die deutsche Geschichte erforschen, kritisch gegenüber Israels Besatzungspolitik eingestellt sind und selber oft zum Vergleich mit Situationen aus der deutschen Geschichte neigen. Auch deswegen vermutete er bei uns eine gewisse Zustimmung für manche seiner Interpretationen. Er hat in meinem Fall mich sogar für einen Befürworter seiner Thesen gehalten, oder zumindest diese Behauptung zu Papier gebracht (was mir viel Schelte einbrachte).

Nolte betonte zu Recht, dass man den Holocaust nicht allein auf den ewigen Antisemitismus zurückführen kann. Das behauptete auch Noltes entschiedenster Gegner Hans Mommsen (der einige Monate vor Nolte Gastprofessor an der Hebräischen Universität war), wenn auch aus einer anderen Sichtweise. Dem konnte ich nur zustimmen. Daraus aber zu schließen, dass ich zum Nolte-Fan geworden bin, war völlig unfundiert.

Wir, die (damals) jüngeren israelischen Historiker, haben Nolte trotz des Historikerstreits nicht boykottiert. Jedenfalls, solange es um die historische, nicht politische Auseinandersetzung ging. Die Einladung Noltes nach Weimar zu einer Tagung über Nietzsche hielt ich, so meine Reaktion in einem Tagesspiegel-Interview (22. September 1994), aufgrund Noltes Behauptungen als Historiker nicht für einen Affront, sondern sah darin eher eine Anregung zu einem möglichst konstruktiven Disput. Prompt folgte der typische Fauxpas: Zehn Tage später trug Nolte in einem „Spiegel“-Interview sein politisches Bekenntnis vor: „Thomas Mann hat einmal gesagt: Wenn das Boot nach links kippt, setze ich mich nach rechts, und umgekehrt. Im Augenblick verdienen die rechtsradikalen Geistesströmungen eher Unterstützung als die linksradikalen.“ Kein Wunder, dass von nun an israelische und jüdische Historiker mit ihm nicht mehr auf einem Podium sitzen wollten.

Was Nolte damals tat, unterscheidet sich kaum von dem, was auch heute Rechtspopulisten versuchen: Sie meiden antisemitische Äußerungen, hoffen aber auf Verständnis für ihre rechtspopulistischen Behauptungen. Damals haben wir den Trick durchschaut. Heute befinden wir uns in einer anderen Ära, denn der Buhmann heißt nicht mehr Bolschewismus, sondern IS.

- Moshe Zimmermann ist Historiker und Direktor des „Richard-Koebner-Center for German History“ an der Hebräischen Universität Jerusalem.

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