Politik : 350 Afrikanern gelingt die Flucht nach Melilla

Trotz stärkerer Grenzbefestigungen stürmen 700 Menschen die spanische Exklave in Nordafrika

Ralph Schulze[Madrid]

Die neuen stärkeren Grenzbefestigungen in der spanischen Exklave Mellila in Nordafrika haben 700 afrikanische Flüchtlinge nicht abgehalten. Etwa 350 von ihnen gelang es, in einem Massenansturm auf die bis zu sechs Meter hohen Grenzzäune den Boden der Europäischen Union zu erreichen. Das teilte die spanische Polizei am Montag mit. Die Flüchtlinge walzten buchstäblich den doppelten sechs Meter hohen Grenzzaun nieder. Bis zu 150 Menschen, darunter zehn Grenzpolizisten und Soldaten, wurden verletzt. Tote gab es dieses Mal nicht.

Der Angriff kam unerwartet. Die Behörden waren davon ausgegangen, dass der Aufzug des spanischen Militärs in Melilla und Ceuta, an den südlichsten europäischen Außengrenzen, abschreckende Wirkung haben würde. Doch die Verzweiflung der zigtausend afrikanischen Flüchtlinge, die in Marokko oft schon monatelang auf ihre Chance zum Sprung nach Europa warten, ist offenbar größer als die Angst. Dieses Mal hatten sie sich besser vorbereitet als am vergangenen Mittwoch: Statt Leitern an den bis zu sechs Meter hohen Grenzzaun anzulegen, zogen und drückten sie das Metall mit gemeinsamen Kräften zu Boden. Die spanischen Grenzschützer und Soldaten, die mit Gummigeschossen, Schlagstücken, Gewehrkolben und Tränengas versuchten, die Eindringlinge aufzuhalten, wurden überrannt. Zudem griffen die Flüchtlinge dieses Mal die Grenzer mit Steinen und Holzknüppeln an.

Der Bürgermeister von Melilla, Juan Jose Imbroda, beschuldigte Marokko, nichts gegen den Massenansturm zu unternehmen. „Marokko kollaboriert nicht.“ Wenn das Land, „wo die Polizei alles kontrolliert“, ernsthaft einschreiten würde, gäbe es keine Grenzangriffe. In der Tat besteht der Verdacht, dass marokkanische Grenzpolizisten die illegale Einwanderung Richtung Europa eher fördern als verhindern. Immer wieder berichten Flüchtlinge von der Praxis, dass ihnen von marokkanischen Beamten, quasi als Wegezoll, alle Wertsachen abgenommen werden. Spaniens Außenminister Miguel Angel Moratinos forderte am Montag die Europäische Union auf, mit Marokko Verhandlungen über das Flüchtlingsproblem aufzunehmen. Dabei soll es um ein Rückführungsabkommen gehen, das Abschiebungen vereinfacht und um finanzielle Hilfen für den Ausbau der Grenzsicherung auf marokkanischer Seite.

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