50 Jahre Anwerbevertrag : "Man könnte von einer Auswandererelite sprechen"

Vor 50 Jahren wurde ein Papier unterzeichnet, das die Anwerbung von türkischen Gastarbeitern nach Deutschland regelte. Damals galten sie als Musterarbeiter - heute als Sorgenkinder. Ein Blick zurück.

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Almanya burada: Türkische Arbeiter 1961 auf dem Düsseldorfer Flughafen.
Almanya burada: Türkische Arbeiter 1961 auf dem Düsseldorfer Flughafen.Foto: picture-alliance

"Nächstes Jahr kehren wir zurück" heißt das Buch der Freiburger Historikerin Karin Hunn über die Geschichte der türkischen Einwanderung. Der Tagesspiegel hat mit der Autorin gesprochen.

Der deutsch-türkische Anwerbevertrag wird am 31. Oktober fünfzig Jahre alt. Türkische Arbeitskräfte wurden aber doch schon vorher nach Deutschland geholt?

Für kleinere Ausbildungsmaßnahmen kamen einige schon seit Mitte der fünfziger Jahre, zum Beispiel in den Ruhr-Bergbau. Die Erfahrungen waren sehr positiv. Und als Anfang der 60er Jahre der deutsche Arbeitskräftebedarf enorm anstieg, merkte man, dass es da ja ein riesiges Reservoir gab – zudem viele gut Gebildete und ausgebildete Facharbeiter. In Italien, dem ersten Anwerbeland überhaupt, waren die damals nur schwer zu finden.

Das passt wenig zum verbreiteten Bild des ungebildeten türkischen „Gastarbeiters“.

Wenn man sich die Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse gerade der in den ersten Jahren angeworbenen türkischen Arbeitskräfte ansieht, dann ergibt sich ein sehr viel differenzierteres Bild. Mehr als 30 Prozent der Türken, die über die Anwerbestellen in Ankara und Istanbul nach Deutschland kamen, hatten eine Berufsausbildung; das war deutlich mehr als bei Spaniern (7,7 Prozent), Griechen (8,9), Portugiesen (22,3) oder Italienern (23,3) – lediglich Jugoslawen brachten es auf einen ähnlich hohen Wert. Für die ersten Migranten könnte man von einer Auswandererelite sprechen.

Was meinen Sie?

Die ersten kamen aus dem Großraum Istanbul oder anderen großen Städten der

Türkei, etwa fünf Prozent hatten Abitur. Bei den Frauen lag dieser Anteil sogar bei rund zehn Prozent. Die Hemmschwelle auszuwandern, war in der breiten Bevölkerung und gerade für die weiblichen Migranten zunächst sehr hoch, die Türkei war kein Auswanderungsland, und erst das deutsche Werben brachte viele auf die Idee. In die Breite ging die Emigration erst im Laufe der 60er Jahre.

Sie erwähnen in Ihrem Buch, dass die Türkei damals in der deutschen Politik uneingeschränkt als Teil Europas angesehen wurde. Gab es anderswo Bedenken gegen die Anwerbung?

Ich habe bei meinen Recherchen nur wenige Stimmen in diese Richtung gefunden, der deutsche Botschafter in Ankara etwa gab 1960 zu bedenken, wie das denn gehen solle mit den „Mohammedanern“, wie man sie damals noch nannte: das andere Essen, die Gebetszeiten. Die Türken galten als fremd, aber nicht als fremder wie andere Ausländer. Die Vorurteile gegen sie – sie sind laut, weniger entwickelt als wir Deutschen – waren meist dieselben, und da, wo es viele Italiener gab, bekamen die zugeschriebenen Eigenschaften eben das Etikett „typisch italienisch“. Türken galten aber am Anfang als disziplinierter und fleißiger als andere. Auch der Islam wurde positiv gesehen, sofern das überhaupt zum Thema wurde.

Was änderte sich da?

Der Einschnitt war die iranische Revolution. Ab Ende der 70er, Anfang der 80er

Jahre galt der Islam nicht mehr als exotisch, sondern als bedrohlich.

"Nächstes Jahr kehren wir zurück" heißt das Buch der Freiburger Historikerin Karin Hunn über die Geschichte der türkischen Einwanderung.
"Nächstes Jahr kehren wir zurück" heißt das Buch der Freiburger Historikerin Karin Hunn über die Geschichte der türkischen...Foto: privat

Wir haben in puncto Einwanderung jahrzehntelang geschlafen – das ist inzwischen praktisch Konsens in Deutschland. Sie sind da anderer Meinung – wieso?

Dass tatsächlich Einwanderung stattfindet, hat man schon in den frühen 60er Jahren erkannt. Die Befristung des Aufenthalts im Vertrag mit der Türkei 1961 war schon Ausdruck der Angst davor. Aber als man nach der Rezession von 1966 sah, wie viele zurückgingen, als sie ihre Arbeit verloren, ließ man die Dinge wieder laufen – das wurde als quasi natürlicher Prozess angesehen. In den 70er Jahren gab es unter Brandt eine kurze Phase, in der sich etwas hätte ändern können: „Mehr Demokratie wagen“, die Parole des Wahlkampfs von 1969, hieß zeitweise auch, den Gastarbeiter als Teil der Gesellschaft und Mitbürger zu sehen. Als man aber merkte, dass das soziale Kosten verursachen würde, dass man Wohnungen bauen und die Schulbildung dafür verändern müsste, wurde ein Rückzieher gemacht, noch zur Zeit Brandts.

Was ist aus Ihrer Sicht schiefgelaufen?

Man hatte die Präsenz der „Gastarbeiter“ immer utilitaristisch begründet: Wir brauchen sie. Als sie nicht mehr gebraucht wurden, war es dann schwer, den Hebel umzulegen. Dabei war den politisch Verantwortlichen klar, dass Integration nur möglich war, wenn man die Bevölkerung mitzog – das geht zum Beispiel aus einer Gesprächsunterlage im Arbeitsministerium von 1971 klar hervor. Aber dafür fehlte der politische Mut. Stattdessen machte man die Schotten möglichst dicht, verteuerte die Anwerbepauschale und erschwerte die individuelle Migration durch die Visapolitik der Konsulate. Die Ölpreiskrise war dann eine günstige Gelegenheit, den Anwerbestopp zu verkünden. Weil es aber natürlich weiter das Recht auf Familiennachzug gab, ließen sich die Grenzen in Wirklichkeit gar nicht dichtmachen. Man erklärte sich zum Nichteinwanderungsland, musste Einwanderung aber praktisch akzeptieren. Diese Ambivalenz blockierte die Politik in den 70er Jahren; es tat sich nicht mehr viel.

Und in den 80ern?

Es wurde schlimmer. Die frühen 80er Jahre markieren den Beginn massiver Türkenfeindlichkeit, es ist die Zeit der Türkenwitze, der verbalen Gewalt und des Rückkehrförderungsgesetzes. Ab Ende der 70er wird aus dem Ausländer- das Türkenproblem. Sie waren es eben auch, die blieben, während andere gingen: die Griechen, die Spanier.

Weil deren Länder wirtschaftliche Perspektiven boten?

Genau. Im Gegensatz dazu hatten die türkischen Migranten sehr schlechte Rückkehrperspektiven, außerdem hätte eine Rückkehr nach dem Anwerbestopp von 1973 bedeutet, unwiderruflich draußen zu sein und nie wieder zurückzukommen. Die wirtschaftliche und politische Lage in der Türkei war damals desolat, schon vor dem Putsch von 1980. Die bürgerkriegsähnliche Situation dort vergrößerte die Asylzuwanderung, vor allem nach Deutschland, wo schon Landsleute waren. In der Folge verschmolz die deutsche Asylhysterie – Stichwort „Das Boot ist voll“ – mit der ungelösten Frage der Arbeitsmigration.

Die Gewerkschaften haben bei alledem eine höchst ambivalente Rolle gespielt.

Stimmt, aber sie waren auch in einer schwierigen Situation: Sie standen vor der Frage, wie sie sich für Leute engagieren sollten, die womöglich bald wieder zurückgehen würden. Einerseits lag ihnen daran, die Gastarbeiter zu organisieren, denn andernfalls wäre gewerkschaftliche Arbeit sehr geschwächt worden. Tendenziell vertraten sie aber im Konfliktfall die deutschen Arbeitnehmer. Das

änderte sich, als immer mehr türkische Funktionäre in die Gewerkschaft kamen.

Yilmaz Karahasan, der aus einer Gewerkschafterfamilie stammte, war dann der erste Türke im Vorstand der IG Metall.

Sie sprachen schon die vergleichsweise hohe Qualifikation der türkischen Arbeitsmigranten an. Was wurde daraus?

Nun ja, die „Gastarbeiter“ wurden immer gezielt für Arbeitsplätze angeworben, für die es keine Arbeitskräfte gab. Das waren eben die unattraktiven, die schmutzigen,

anstrengenden, gefährlichen oder die, für die man keine Sprache brauchte wie in der monotonen fordistischen Fließbandproduktion. Also haben diese Jobs auch Qualifizierte gemacht, manche Lehrer aus der Türkei haben so gearbeitet. Sie hatten kurzfristige Arbeitserlaubnisse und konnten es sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Die migrantische Unterschicht ist auch gemacht worden.

Die Einwanderung, schreiben Sie, wird immer noch nicht als Teil der deutschen Geschichte gesehen. Ändert sich da nichts?

Sicher. Klaus J. Bade hat schon in den 80er Jahren an der Universität Osnabrück Migrationsgeschichte betrieben. Seit den 90er Jahren haben Nachwuchswissenschaftlerinnen – übrigens fast alle Frauen – die Geschichte der „Gastarbeiter“ aufgearbeitet. Aber wer diesen Acker bestellt hat, ist zumeist nicht in der Forschung geblieben. Und in vielen Gesamtdarstellungen zur bundesrepublikanischen Geschichte spielt ein so folgenreiches Thema wie die Einwanderung nur eine marginale Rolle.

„Nächstes Jahr kehren wir zurück“ heißt das Buch der Freiburger Historikerin

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