70 Jahre Aufstand im Warschauer Ghetto : „Keine Schafe für die Schlachtbank“

Ab dem 19. April 1943 kämpften ausgemergelte Ghetto-Bewohner 29 Tage lang gegen eine SS-Übermacht. Bei der Niederschlagung ermordeten die Nazis 56 000 Menschen.

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Ein von Beginn an
Ein von Beginn anFoto: epd

„Das war von Anfang an ein verlorener Kampf“, wusste Marek Edelmann, einer der Gründer der Jüdischen Kampf-Organisation (ZOB): 29 Tage lang kämpften der ZOB und der ebenso schlecht bewaffnete Bund Jüdischer Soldaten (ZZW) gegen die schwerbewaffneten SS-Truppen, die rechtzeitig zu Hitlers Geburtstag im April 1943 das Warschauer Ghetto liquidieren sollten. „Wir hatten eine große, kindliche Fantasie“, erklärte Edelmann, der auch einer der Anführer des Ghetto-Aufstandes war, ein paar Jahre vor seinem Tod im persönlichen Gespräch. „Wer wie ich 21 Jahre alt war, war schon alter Mann.“

Die jungen, jüdischen Aufständischen hatten sich monatelang auf diesen Akt des Widerstands vorbereitet. Bereits Ende Juli 1942 war der ZOB von mehreren zionistischen und sozialistischen Jugendorganisationen als Reaktion auf die geplante Liquidierung der Ghettos im Generalgouvernement („Aktion Reinhard“) gegründet worden. Die jüdischen Freiwilligen hatten Kontakt mit dem polnischen Untergrund, allen voran der Heimatarmee (AK), aufgenommen und damit begonnen, Waffen von der sogenannten arischen Seite her ins Ghetto zu schmuggeln. Dabei sei vor allem die Liebe zum Geld unter den deutschen Polizisten ausgenutzt worden. „Für Geld konnte man alles kaufen“, erzählte Edelmann weit mehr als 60 Jahre nach dem Aufstand in seiner Wohnung in Lodz. Ab Herbst 1942 wurden heimlich Bunker und Tunnels angelegt, ZOB und ZZW richteten in den Dachstöcken der Häuser einiger Straßen Widerstandsnester ein, von denen aus die Nazis überraschend beschossen werden sollten. Zu einer ersten bewaffneten Aktion kam es schon Ende Januar 1943. Die überraschten SS-Truppen legten die Liquidierung des Ghettos für einige Tage auf Eis. Der ZOB verteilte Flugblätter: „Die Schicksalsstunde naht: Wir müssen bereit sein für den Widerstand! Wir können uns nicht wie Schafe auf die Schlachtbank führen lassen!“, hieß es darin.

Am 19. April 1943 dann wollten rund 850 SS-Soldaten zur letzten großen Deportation im Ghetto schreiten. Rund 60 000 von Hunger und Krankheiten gezeichnete Juden, einst waren es 400 000 Menschen, lebten noch in dem Bezirk, der bereits im November 1940 mit einer streng bewachten Mauer umgeben worden war. In der Nalewki-Straße wurden sie plötzlich mit einem Kugelhagel empfangen. Zwei Stunden dauerte dieser erste Kampf, und er endete mit einem vorübergehenden Rückzug der SS. „Dies war der erste Stein, der aus der faschistischen Mauer herausgebrochen wurde“, kommentierte Marek Edelmann im Gespräch. Erst nach dem jüdischen Aufstand im Ghetto hätten sich auch andere Zivilisten in Polen gegen die Nazis erhoben, erst danach sei in ganz Europa eine Partisanenbewegung entstanden.

Wenige Stunden später griffen die Deutschen unter neuer Führung und unterstützt von Panzerwagen wieder an. In einem verzweifelten Kampf leisteten ihnen die zumeist sehr jungen jüdischen Aufständischen bis zum 16. Mai erbitterten Widerstand. Die Nazis gewannen erst nach rund einer Woche die Überhand, nachdem sie damit begonnen hatten, Haus um Haus niederzubrennen und dem Erdboden gleich zu machen.

Viele Polen beobachteten den ungleichen Kampf etwa vom Karussell auf dem Vergnügungspark am Krasinski-Platz aus. Von dort aus habe man dicke Rauchsäulen aus dem Ghetto aufsteigen gesehen, berichten Augenzeugen. Allerdings haben manche Polen den kämpfenden Juden auch geholfen. Laut Kazik Ratajzer, einem der letzten Überlebenden des Aufstandes, der aus Israel anreisend am Freitag zu den Gedenkfeiern erwartet wird, hatte die polnische Heimatarmee 50 Pistolen geschickt. Weitere fünf Pistolen habe die kommunistische „Armia Ludowa“ (AL) geschickt, erinnern sich Edelmann und Ratajzer in einem kürzlich in Polen publizierten Gespräch. Auf Hilfeleistungen zugunsten der Juden drohte die standrechtliche Erschießung durch die rund 20 000 in Warschau stationierten deutschen Wehrmachtssoldaten.

Bereits nach wenigen Tagen Kampf retteten sich die ZZW-Kämpfer durch die Abwasserkanäle auf die arische Seite. Die ZOB blieb im Ghetto zurück, doch die anfangs rund 750 ZOB-Kämpfer konnten die Deutschen nicht mehr aufhalten. Am 8. Mai 1943 eroberten die SS-Einheiten den Führungsbunker der Aufständischen an der Mila-Straße 18. Der ZOB-Führungsstab unter Mordechai Anielewicz hatte kurz zuvor kollektiven Selbstmord begangen. Die letzten ZOB-Verbände zogen sich in den folgenden Tagen durch die Kanäle ins arische Warschau zurück – darunter auch Marek Edelmann. Etwa 70 ZOB-Kämpfer konnten sich so retten; Dutzende von ihnen kämpften ein gutes Jahr später im Warschauer Aufstand von 1944 Seite an Seite mit der polnischen AK.

Am 16. Mai sprengte der SS-Einsatzleiter Jürgen Stroop eigenhändig die Große Synagoge. „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk Warschau mehr“, telegraphierte Stroop an Hitler. Laut seinem Bericht wurden bei der Niederschlagung des Aufstands mehr als 56 000 Juden getötet.

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