8. Mai - 70 Jahre nach Kriegsende : Das Gedächtnis der Nationen

Die Deutschen sind 70 Jahre nach Kriegsende fast überall willkommen. Mit Russland wiederum tun sich viele Länder inzwischen schwer. Der Weg zu einem gemeinsamen Geschichtsbild ist noch weit. Ein Kommentar.

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Ein Zaun und ein Wachturm an der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau.
Ein Zaun und ein Wachturm an der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau.Foto: dpa

Staunenswertes hat sich in 70 Jahren seit dem Kriegsende in Europa getan. Die Deutschen, die als Tätervolk lange vom gemeinsamen Erinnern ausgeschlossen waren, wären heute bei wohl jeder Gedenkfeier ihrer damaligen Opfer willkommen. Mit Russland wiederum, das 1945 zu den Siegermächten zählte, das den halben Kontinent von der Naziherrschaft befreite und ihm über ein halbes Jahrhundert das Geschichtsbild vorgab, möchte 2015 kaum jemand gemeinsam zurückblicken.

Das liegt nicht am Ukrainekrieg. So kurzfristigen Konjunkturen folgen die Erinnerungskulturen ganzer Völker nicht. Er lässt den Koalitionswechsel im Gedenken, der sich seit 1989 allmählich in Europa vollzieht, nur schärfer hervortreten. Der Platz einer Nation im internationalen Zusammenleben, das zeigen die Wiederaufnahme Deutschlands in ein gemeinsames Geschichtsbild und die Vielzahl ausgeschlagener Einladungen zu Wladimir Putins Militärparade in Moskau, hängt auch von ihrer Erinnerungsbereitschaft ab – nicht zuletzt der Bereitschaft, sich den dunklen Jahren der Geschichte zu stellen. Wenn sie aufrichtig wirkt, wird sie mit neuem Vertrauen belohnt.

Diese Erfahrung ist für uns Deutsche kein Grund für Selbstlob – und schon gar nicht Anlass, anderen zu sagen, wie man sich korrekt erinnert. Wir dürfen dankbar sein, dass die Nachbarn das Bekenntnis zu Schuld und Reue angenommen haben. Und sollten eingestehen, wie lange wir selbst gebraucht haben, um den 8. Mai als Befreiung anzunehmen und nicht mehr als Tag zu begehen, an dem man mit der Niederlage hadert und über das eigene Leid, die Bombennächte und die Vertreibung klagt, statt die Menschen zu betrauern, die Opfer unseres Angriffskriegs und des Holocausts wurden.

Das Geschick der Kanzlerin

Das geteilte Gedenken macht den Umgang mit Russland aber umso heikler. Aus guten Gründen opponieren die zwischen Deutschland und Russland lebenden Völker, seit sie frei sind, gegen das offizielle Moskauer Geschichtsbild, das zu Sowjetzeiten für sie verbindlich war. Sie wollen daran erinnern, dass sie doppelte Opfer waren. Dass der Krieg mit dem Hitler-Stalin-Pakt begann und auf die Niederlage der braunen Besatzer nicht Freiheit folgte, sondern eine rote Schreckensherrschaft. Für Polen, Balten und andere Mitteleuropäer endete die Unterdrückung nicht 1945, sondern ein halbes Jahrhundert später. Neuerdings schließen sich auch Ukrainer, Weißrussen und Georgier dieser Sichtweise an.

Für die Deutschen ergibt sich daraus keine Entlastung und keine Relativierung der deutschen Menschheitsverbrechen. Ihre offiziellen Vertreter geraten beim Gedenken aber in eine Zwickmühle. Nazideutschland hat die Sowjetunion 1941 angegriffen, seine Truppen haben dort fürchterlich gewütet. Die Russen zählen zu den Opfern deutscher Aggression. Für Balten, Polen und andere gehört die Sowjetmacht hingegen zu den Aggressoren. Die Russen betrachten sie bestenfalls als Opfer und Täter in einem. Den Deutschen steht es weder zu, in gleicher Weise mit moralisch erhobenem Finger auf Russland zu zeigen, noch dürfen sie den berechtigten Wunsch der Opfer, ein ehrlicheres Geschichtsbild öffentlich zu artikulieren, konterkarieren.

Andere Regierungschefs können Putins Einladung, die Ruhmestaten der Roten Armee am 9. Mai in Moskau zu feiern, ausschlagen. Die Kanzlerin kann das nicht. Ihr kluger Ausweg: Sie fährt nicht zur Siegesparade, sondern ehrt die Kriegsopfer einen Tag später mit Putin bei einer Kranzniederlegung.

Offener zeigt sich das Dilemma im Gedenken des Bundespräsidenten. Obwohl alle wissen, welche Entwicklungschancen die DDR-Diktatur ihm und anderen vorenthalten hat, dankt Joachim Gauck der Roten Armee für die Befreiung. Und ruft mit seinem Besuch in einem Lager die Schicksale der mehr als fünf Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen in Erinnerung; mehr als die Hälfte kam um.
Bei allem Wandel ist der Weg zu einem gemeinsamen Geschichtsbild, das Russland einschließt, noch weit. Den Einstieg öffnen können nur die Russen.

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