Politik : Ab nach Berlin

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Ich war 19 Jahre alt und als Aussteller auf der „Messe der Meister von Morgen“ eingeladen (siehe Foto). In der DDR war das die höchste Auszeichnung für Konstrukteure und Wissenschaftler. Ich lag im Bett meiner Pension, als Schabowski die unbegrenzte Reisefreiheit verkündete. Minuten später war ich auf dem Weg zum Leipziger Hauptbahnhof. Ich fuhr nach Berlin. Der erste Laden im Westen war ein Erotikshop. Wir strömten hinein, einige wollten wieder umkehren: genau so war uns ja der Kapitalismus beschrieben worden. Ich überlebte den Angriff auf meine Standfestigkeit und feierte die Nacht hindurch. Alle Clubs waren geöffnet. Ich verstand schnell, wie die Unterscheidung „Ossi“ und „Wessi“ funktionierte. Nicht mal die Penner in WestBerlin hatten so altmodische Klamotten wie wir. Am Morgen sammelte ich das Begrüßungsgeld von 100 Mark ein, ging ins KaDeWe und kaufte mir eine Platte von Simon & Garfunkel. Dann fuhr ich nach Leipzig zur Messe. Die SED-Führungskräfte waren da, sie sahen unsicher aus und müde. An diesem Tag wurde der neue Trabant mit VW-Motor vorgestellt. Doch wir träumten längst vom Golf. Fotos: privat, Imago

Stephan Schambach war 1989 Student, gründete 1992 die Firma Intershop und leitet jetzt eine Internetfirma in den USA.

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