Politik : Abdoulaye Wade wird Staatsoberhaupt und beendet die 40-jährige Herrschaft der Sozialisten

Christoph Link

Es kommt einer friedlichen Revolution gleich. In Senegal hat das Volk den "ewigen" Präsidenten Abdou Diouf abgewählt und die seit 40 Jahren regierenden Sozialisten aus der Regierung gejagt. Das neue Staatsoberhaupt in Senegal heißt Abdoulaye Wade, ein charismatischer Jurist, der bei Kritikern allerdings als Wendehals gilt.

Spitznamen hat Abdoulaye Wade viele gehabt. "Diombor" hat ihn Senegals Staatsgründer Leopold Senghor einmal ironisch genannt, was mit Kaninchen oder Stallhase am besten übersetzt wird. "General Wade" oder "Präsident der Straße" titelte die Presse gerne über den im Mai 1926 in Saint Louis geborenen Politiker, denn niemand konnte wie er die Massen mobilisieren. Wade war bekannt als der ständige Opponent gegen die Sozialisten, seit 1978 hat er fünfmal für das Präsidentenamt kandidiert, erst gegen Senghor, dann gegen Abdou Diouf. Jetzt hat er seine wohl letzte Chance ergriffen und sein Ziel erreicht. "Sopi", zu deutsch "Vater des Wandels", nennt ihn das Volk, diesen Titel hat er mit dem hohen Sieg über Diouf verdient. Wade erreichte im zweiten Wahlgang am Sonntag mehr als 60 Prozent. Diouf telefonierte nach Rundfunkberichten mit Wade, gestand seine Niederlage ein und wünschte seinem Nachfolger für die Zukunft Glück.

Abdoulaye Wade, Moslem und Sohn eines reichen Kaufmanns, hat eine exzellente Karriere als Jurist hinter sich; er war Advokat am Obersten Gerichtshof und Dekan der Fakultät für Jura und Wirtschafswissenschaften an der Universität von Dakar. Bei seinen öffentlichen Auftritten war er stets in eleganten Anzügen zu sehen. Wades Ehefrau ist eine Französin, mit der er zwei Kinder hat. Dass Senegal künftig von einer weißen First Lady mitregiert wird, scheint das Wahlvolk nicht gestört zu haben.

Wegen seiner Opponentenrolle saß Wade früher mehrfach im Gefängnis, doch die Nähe zur Macht war ihm nicht fremd. 1991 und 1995 war er zeitweise Mitglied in einer von den Sozialisten erweiterten Regierung. Das Paktieren mit der Macht und das Wechseln politischer Standpunkte werfen Kritiker ihm denn auch vor.

Wohin Wade die neun Millionen Senegalesen führen wird, bleibt noch etwas im Ungewissen. Wade ist Gründer der Demokratischen Partei Senegals, die sich als liberal bezeichnet, doch einen liberalen Wirtschaftskurs hatte auch schon der Sozialist Abdou Diouf gefahren und damit Streiks ausgelöst. Den Titel "Liberaler" habe er einst nur gewählt, weil der der Begriff Sozialist schon besetzt gewesen sei, hat Wade einmal gesagt, es sollte ein Scherz sein, doch vielleicht trifft es den Punkt.

Vor allem institutionelle Reformen hat Wade konkret angekündigt, die Umwandlung der Präsidialrepublik in eine parlamentarische Demokratie, die Abschaffung des seiner Ansicht nach unnützen Senats. Auch um die Jugend, die ihn in erster Linie gewählt hat, wolle er sich kümmern, kündigt er an. Sein designierter Premierminister, der ehemalige Außenminister und Ex-Sozialist Moustafa Niasse, der Wade zum Wahlsieg verhalf, hat nach dem Wahlsonntag als erster die sozialen Themen angesprochen, die vielen Senegalesen auf den Nägeln brennen: die Gesundheitsversorgung müsse mit einem Notprogramm verbessert werden und den vielen Bettlern auf der Straße müsse zu einem würdevolleren Leben verholfen werden. Beide Themen weisen auf die soziale Schieflage in Senegal hin, wo das Bruttosozialprodukt bei für Afrika stolzen 540 US-Dollar pro Kopf und Jahr liegt, und gleichwohl 40 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben.

Der neue Präsident des Senegals hat sich am Montag zunächst einmal in die heilige Stadt von Touba zu einem Marabut begeben, dem geistigen Führer eines islamischen Ordens, um mit ihm für die Zukunft des Landes zu beten. Auf dem Weg nach Touba säumten die Menschen die Straßen und skandierten "Sopi, Sopi". Nach 40 Jahren sozialistischer Regierung und 18 Jahren mit Senghor-Nachfolger Abdou Diouf an der Spitze hat Wade den Machtwechsel geschafft.

"Senegal hat mit dieser Wahl seine Reifeprüfung abgelegt, und Nachbarn wie Guinea oder Benin erhoffen sich davon eine Initialzündung für die Region", meint Peter Skalweit, der Repräsentant der Friedrich-Ebert-Stiftung vor Ort. Dabei hätte es nach dem Militärputsch in Niger im vergangenen April oder dem Regierungssturz in Elfenbeinküste im Dezember im Senegal auch anders kommen können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar