Politik : Abflug der Aufklärer

Hohe Gäste, ernste Mienen: Wie der Verteidigungsminister deutsche Tornados nach Afghanistan entsendet

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Dunkler Rauch steigt auf, als die Tornados auf ihr Start-Kommando warten. Ein Abschied steht bevor, auf den das Land blickt, sorgsam in Szene gesetzt. Für ernste, aufmerksame, stolze und für traurige Menschen. Je nachdem, welcher der vier Welten die angehören, die an diesem Montagmorgen auf den Fliegerhorst im schleswig-holsteinischen Jagel gekommen sind: der Politik, der Medien, des Militärs oder der Soldatenfamilien. Die Bundeswehr achtet sehr darauf, dass diese Welten einander nicht zu nahe kommen.

Es ist der Tag, an dem deutsche Soldaten zu einem heftig umstrittenen Bundeswehr-Einsatzes nach Afghanistan aufbrechen, nach langem parlamentarischen Hin und Her. Zusammen mit den Soldatinnen und Soldaten des Geschwaders 51 „Immelmann“ werden an diesem sonnigen Vormittag zehn Aufklärungs-Tornados in den dunstig-blauen Himmel starten. Nach Zwischenstopps in Sardinien und den Vereinigten Arabischen Emiraten werden sechs Maschinen am Donnerstag im Bundeswehr-Stützpunkt Masar-i- Scharif in Nordafghanistan erwartet. Ab Mitte April sollen die Jets für die von der Nato geführte Isaf-Mission Aufklärungsflüge übernehmen. Ihre hochauflösenden Kameras sollen Taliban-Stellungen aufspüren. Kämpfen aber, das wird Verteidigungsminister Franz Josef Jung an diesem Morgen mehrmals sagen, kämpfen sollen die Soldaten nicht.

Am gleichen Tag, an dem die Maschinen entsandt werden, droht der Militärchef der Taliban, Mullah Dadullah: In ganz Afghanistan warteten tausende Selbstmordattentäter auf ihren Einsatz. Die Kämpfer seien in alle Städte des Landes geschickt worden, um die westlichen Truppen und ihre afghanischen Marionetten anzugreifen. Afghanistan werde sich in einen „Friedhof für amerikanische Soldaten“ und die Feinde des Islams verwandeln. Angesichts dieser Bedrohungslage wirkt der ebenfalls am Montag geäußerte Vorschlag des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck zum Abschluss seines Besuches in Kabul geradezu illusionär: Beck spricht von einer möglichen neuen Friedenskonferenz für Afghanistan, vielleicht unter Teilnahme moderater Taliban. Gastgeber könnte nach Becks Vorstellung wieder, wie 2001, Deutschland sein.

Der Einsatz der Tornados ist bis zum 13. Oktober befristet, er wird etwa 35 Millionen Euro kosten. Vorausgesetzt, das Bundesverfassungsgericht segnet die Mission am 18. April endgültig ab. Jung sagt, an „Spekulationen“ wolle er sich nicht beteiligen. Doch niemand in Jagel scheint zu erwarten, dass die Mission noch abgebrochen werden könnte; dass die rund 200 Soldaten und 600 Tonnen Material wieder nach Deutschland zurückgeholt werden. Die meisten Angehörigen zeigen wenig Gefühle. Den Abschied haben viele von ihnen längst hinter sich. Silke S. etwa. Ihr Mann, Pilot, ist schon in Afghanistan. Ob sie Angst habe? „Nein“, sagt die 37-Jährige mit dem Kurzhaarschnitt. „Die sind so abgesichert, da kann nichts passieren.“ Ihr Mann hatte sich in einen „einkasernierten Urlaub“ verabschiedet.

Wenig später beginnt in Halle 153 der Abschiedsappell. An dessen Besetzung lässt sich der hohe Stellenwert des Einsatzes ablesen. Verteidigungsminister, Generalinspekteur der Bundeswehr, Schleswig- Holsteins Ministerpräsident, verteidigungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktionen. Der Minister spricht von „vernetzter Sicherheitspolitik“ und sagt, an die „lieben Soldatinnen und Soldaten“ gewendet: Sie dienten dem Schutz der Isaf-Kräfte. Und dann, lauter: „Sie stehen vor einer anspruchsvollen Aufgabe, physisch und psychisch.“ Aber dafür seien sie ja ausgebildet, vorbereitet, ausgerüstet. Er wünscht alles Gute, gesunde Heimkehr, Gottes Segen.

In Bussen werden Medienvertreter an das Rollfeld kutschiert, Politiker und Angehörige fahren in Limousinen vor. Dann rollen sie heran, die hellgrauen „Recce“- Tornados. Aus der Ferne wirken sie wie riesige Insekten. Nach Vorschrift verabschiedet von Verteidigungsminister und Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, in der ersten Reihe. „Das ist kein Flugschautag“, sagt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Carstensen irgendwann. Die Maschinen seien unterwegs zu einem „Einsatz an die Front“. Die Piloten geben maximalen Schub und rasen über die Startbahn.

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