Abgasaffäre : Der Wolf von Wolfsburg

Hollywood und VW: Zwischen Drama und Schmierentheater. Eine Kolumne

Peter von Becker
Leonardo DiCaprio - Schauspieler mit ethischer Mission., Hier beim Umweltgipfel in Paris 2016
Leonardo DiCaprio - Schauspieler mit ethischer Mission., Hier beim Umweltgipfel in Paris 2016Foto: AFP

Mitte Oktober 2015 kam die Meldung, dass Leonardo DiCaprio den VW-Abgasskandal verfilmen wolle und sich dafür schon die Rechte gesichert habe. Zu dieser Zeit war das große Dieseldesaster kaum vier Wochen öffentlich bekannt. Der Schauspieler mit den deutsch-italienischen Wurzeln und dem gesellschaftspolitischen Engagement wirkte so reaktionsschnell. Und zum Staunen schien auch, dass man sich an derart zeitgeschichtlichen Ereignissen überhaupt ein Copyright sichern kann.
Tatsächlich aber geht es DiCaprio nicht um den Skandal an sich, sondern um die Verfilmung eines Buchs über den Fall. Das Buch ist freilich noch nicht fertig, aber verspricht allemal spannend zu werden. Sein Autor heißt Jack Ewing und ist nicht verwandt mit der gleichnamigen Figur aus der TV-Serie „Dallas“, bei der es auch um mancherlei windige Geschäfte ging. Ewing sitzt vielmehr in Frankfurt am Main und berichtet von dort als Korrespondent der „New York Times“ über Europas Wirtschaft und Finanzen. Mit dem gerade Oscar-preisgekrönten Hollywoodstar, der zugleich selber Filmproduzent ist (etwa bei „The Wolf of Wall Street“) verbindet ihn übrigens eine Zuneigung zu Deutschland. Ewings jüngstes Buch heißt sinnigerweise „Germany's Economic Renaissance: Lessons for America“ – es wurde allerdings vor dem deutsch-amerikanischen VW-Debakel verfasst.

Leonardo DiCaprio will den Skandal verfilmen

Noch fällt wenig Licht in die Tiefe des Abgrunds, für den das Wort Wirtschaftskrimi fast schon niedlich klingt. Zumindest offiziell im Dunkeln bleibt weiterhin das persönliche Wissen der damaligen und teilweise noch heutigen Konzernspitze. Das weckt Assoziationen: von der Mafia und ihrem Gesetz des Schweigens bis hin zur spezifisch deutschen Historie.
Von Anfang an verbinden sich bei VW ja Geschichte und Mythos. Gegründet von den Nazis in einer Retortenstadt, die zwar den Namen einer dort existierenden Burg trägt, welcher freilich auch Hitlers privater Kosename war, etwa für die Freundin Eva Braun oder die Bayreuther Wagner-Nachfahren („Onkel Wolf“). Und irgendwie erinnern die Beteuerungen, dass die VW-Führung um den einstigen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn von den jahrelangen planmäßigen Techno-Tricksereien nichts mitgekriegt haben will, nicht nur amerikanische Sarkasten an die in Deutschland einst verbreitete Selbstbetrugsformel „Wenn das der Führer wüsste!“.

Ein amerikanischer Wirtschaftsjournalist sitzt an einem Buch über die Affäre

Noch Ungeklärtes ist da kaum zu trennen von schlicht Unerklärlichem. Haben intelligente Ingenieure und geistig zurechnungsfähige Manager wirklich geglaubt, einen Softwarebetrug von kontinentalem Ausmaß und mit schier irrsinnigem Risiko geheim halten zu können? Das wirkt umso irrationaler, als für keinen der Ingenieure oder Manager ein wenigstens ebenso irrsinniger, zockerhaft überwältigender Gewinn lockte.
Wenn das Motiv und Motto dagegen nur Obrigkeitsgehorsam, pervertierte Pflichterfüllung und „Nach uns die Sintflut“ war, dann müssen sich instrumentelle Vernunft und instrumentalisierter Wahnsinn wohl zu einer längst überwunden geglaubten Art von teutonischer Untergangslust verbunden haben.

DiCaprio als Winterkorn?

Andererseits ist Wolfsburg nicht Walhall und schon gar nicht der Führerbunker. Trotzdem reizt den seriösen Wirtschaftsjounalisten und den ingeniösen Filmemacher offenbar dieses zwischen Biedersinn und Wahnsinn angesiedelte Drama. Wir wissen natürlich nicht, ob Leonardo DiCaprio dabei wirklich einen Winterkorn als den „Wolf of Wolfsburg“ spielen will. Spekuliert wird auch schon, dass vermeintlich längst vergessene VW-Affären filmisch wieder aufleben könnten (mit Betriebsausflügen ins brasilianische Nachtleben). Doch braucht's das gar nicht. Wie Hollywood selbst hochkompliziert wirkende börsentechnische Details aus der Finanzkrise, diese ganze Gemengelage aus verschachtelten Hypothekendarlehen und Credit Default Swaps in großes Kino verwandeln kann, hat zuletzt der Film „The Big Short“ mit Christian Bale, Ryan Gosling und Brad Pitt gezeigt. Dabei wurden auch schonungslos reale Namen genannt: Stanley Morgan, die Deutsche Bank, Goldman Sachs. So viel Mut und Geschick sind in deutschen Produktionen kaum vorstellbar.
Derweil versucht VW freilich, die eigene dramatische Fallhöhe zu senken. Nicht durch Anstand und Aufklärung. Sondern durch das noch vor der VW-Hauptversammlung im Juni anhaltende Gefeilsche um Millionenboni für den Vorstand – während hunderttausende Mitarbeiter um den Unternehmensbestand fürchten. Kein Drama. Nur Schmierentheater.

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