Abwendung von Seehofer : Guttenbergs Chance als CSU-Spitzenmann?

Seine Parteifreunde wenden sich im Integrationsstreit leise von ihrem Vorsitzenden Horst Seehofer ab. Der Ärger über den CSU-Chef verstärkt die Position von Guttenberg als Spitzenmann seiner Partei. Er könnte ihn in absehbarer Zeit aus der CSU-Führung verdrängen.

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Abwendung. Guttenberg könnte Seehofer absehbar aus der CSU-Führung verdrängen. Fotos: Reuters, dpa
Abwendung. Guttenberg könnte Seehofer absehbar aus der CSU-Führung verdrängen. Fotos: Reuters, dpaFoto: REUTERS

Der Mann, der in der CSU einiges zu sagen hat, schüttelt den Kopf. „Wenn ich bei mir daheim hundert Leute frage, was sie vom Horst Seehofer halten, dann machen 99 so“ – er senkt den Daumen. „Meine Basis ist zufrieden, dass wir in Berlin wieder wahrgenommen werden“, berichtet ein anderer, auch er nicht ohne Einfluss bei den Christsozialen. „Aber der Horst – diese Wankelmütigkeit! Das mögen sie nicht.“ Die Reihe lässt sich problemlos fortsetzen. Nach außen hin fällt in der CSU kein böses Wort über den Vorsitzenden. Öffentlich bekommt er sogar hin und wieder Unterstützung. Doch hinter den Kulissen ist ein Prozess der Abwendung im Gange, der umso bemerkenswerter ist, als ihn keinerlei Emotion begleitet. Über Edmund Stoiber war die eigene Partei zuletzt verzweifelt, auf Erwin Huber und Günther Beckstein blickte sie fassungslos. Seehofer löst Schulterzucken aus.

Für einen Mann an der Spitze ist solche Gleichgültigkeit brandgefährlich. Gegen offenen Widerstand kann er ankämpfen, gegen sinkende Umfragewerte alte Feindbilder beschwören. Seehofer, der einen guten Instinkt hat für bedrohliche Lagen, hat es versucht. Dass sein Kraftspruch gegen Zuwanderung aus „anderen Kulturkreisen“ nicht der Abwehr einer – gar nicht absehbaren – Einwandererwelle aus dem Orient galt, sondern der Seelenlage der eigenen Partei, bezweifelt im eigenen Lager niemand. „Der musste mal wieder in die Zeitung“, sagt ein führender Christdemokrat, Christsoziale nicken dazu.

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Doch die Reaktion fiel anders aus als erwartet. Statt Beifall bekam der Provokateur Hiebe, und das von Leuten, die linker Multikultiträumerei völlig unverdächtig sind. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) hielt dem Bayern sogar „Populismus“ vor. Und auch die Kanzlerin ließ Unwillen erkennen – denn dass die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer sich ohne das Okay ihrer Chefin im Kanzleramt „schockiert“ geäußert hätte, ist praktisch ausgeschlossen.

Seehofer reagierte nach der Methode „Haltet den Dieb“: Alles sei ein Missverständnis. Alles bloß Journalisten, die Zitate aufputschen, die ihm den Ruf nach Zuwanderungsstopp zuschreiben, wo er doch gar nicht „Zuwanderungsstopp“ gesagt hat! Es ist genau die Reaktion, die bei der eigenen Gefolgschaft die nächsten resignierten Gesten auslöst. „Wenn er sich selbst nicht ernst nimmt“, stöhnt einer, „wie sollen wir es denn dann tun?“

In Berlin aber werden sich an diesem Punkt der Geschichte einige die Hände gerieben haben. Angela Merkel ließ ausrichten, sie halte Seehofers Position für „nachvollziehbar“ – der habe sich nur auf die Zuwanderung von Fachkräften bezogen. Das war eine sehr großzügige Auslegung dessen, was der CSU-Chef im „Focus“-Interview wirklich gesagt hat. Aber die Kanzlerin hat inzwischen gelernt, dass sich Kraftmeiereien aus München am einfachsten dadurch erledigen, dass man sie im eigenen Sinne auslegt.

Vorgemacht hat ihr den Trick der Mann, der sich sozusagen öffentlich die Hände rieb. Karl-Theodor zu Guttenberg hat seinem Parteichef im Streit um die Wehrpflicht praktisch das Wort im Mund rumgedreht – der musste dazu schweigen, wenn er keinen offenen Machtkampf wollte. Zur jetzigen Debatte hat Guttenberg nur die knappe Bemerkung beigetragen, er jedenfalls freue sich über hochqualifizierte Zuwanderer, die das Wertesystem in der Bundesrepublik akzeptieren. Der Satz kommt einer Zurechtweisung gleich: Man kann über Zuwanderung, heißt die versteckte Botschaft, doch bitte schön auch verbindlich reden.

Der junge Mann von altem Adel ist der Grund für die Gleichgültigkeit, mit der die CSU ihren Vorsitzenden vor sich hinwerkeln lässt. „Wenn einer eine Chance hat, die CSU noch einmal über 50 Prozent zu bringen, dann KT“, sagt ein CSU- Spitzenmann. Es gibt sogar Leute, die den knapp 40-Jährigen gern direkt ins Kanzleramt marschieren sähen. Doch die Lage der großen Schwester CDU erscheint noch nicht derart hoffnungslos, dass der Ruf nach einem Retter ertönt.

In Bayern rufen sie auch nicht, sie warten einfach ab. Je näher die Landtags- und zugleich Bundestagswahl rücke, sagt ein guter Kenner der Funktionärsebene, desto genauer werde jeder Abgeordnete nachrechnen, ob ein Spitzenkandidat Seehofer ihm die Zukunft sichern könne. Bei aktuell 38 Umfrageprozenten für die CSU kann er das nicht. „Und dann muss Guttenberg ran“, sagt der Mann.

In einem Jahr wählt die CSU den Parteivorsitz neu. Ein Jahr drauf braucht sie einen Spitzenkandidaten für die Landtagswahl. Guttenberg hat zwar eigentlich keine Lust, als Provinzfürst nach München zu wechseln. Aber es gibt Rufe, denen man sich schwer entziehen kann. Aus der CDU-Führung würde der Minister sicherlich aufmunternde Worte hören. Ein gutes CSU-Ergebnis in Bayern wäre für Merkel 2013 die halbe Miete.

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