Politik : Achtung, Raubtier

Von Ursula Weidenfeld

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Sie funktionieren noch, die alten Reflexe. Kaum hatte DeutscheBank- Chef Josef Ackermann am Donnerstag gesagt, dass das Unternehmen sich noch von mehr als 6000 Mitarbeitern trennen will, ging der Börsenkurs der Deutschen Bank nach oben. Und prompt wuchs auch die Empörung wieder: über die Deutsche Bank, ihren Chef, und die kalten Mechanismen des Marktes.

Es fällt wirklich schwer zu erklären, wem es am Ende tatsächlich nutzt, wenn eine Bank auf der einen Seite Milliardengewinne macht, auf der anderen Seite aber die eigenen Mitarbeiter feuert, die diesen Erfolg zu Stande gebracht haben. Es fällt schwer zu begreifen, warum der Kapitalmarkt diese Strategie mit Kursgewinnen belohnt, wo es doch auch für das Unternehmen besser wäre, wenigstens einen Teil des Gewinns wieder zu investieren, um mit Hilfe der fähigen Mitarbeiter noch mehr Geschäfte zu machen und noch profitabler zu werden.

In der Momentaufnahme fiele das Urteil leicht: Die Deutsche Bank, eine der Ikonen der Deutschland AG, hat sich dem Raubtierkapitalismus zugewendet. Aber es ist nicht so einfach. Der Bankenmarkt eignet sich nicht für Momentaufnahmen. Die Deutsche Bank war vor zehn Jahren noch unter den ersten zehn Banken weltweit. Trotz zweier gewaltiger Übernahmen ist sie im Unternehmenswert auf Platz 23 zurückgefallen. Klar aber ist, dass wohl nur die sehr großen Banken die Geschäfte der Zukunft – die Erschließung der Märkte in Asien und China, in Indien und anderen Wachstumsregionen der Welt – leisten werden. Banken, die auf allen Märkten vorne mitspielen können. Die Branche wird in den kommenden Jahren durch weitere Fusionen, Abspaltungen und Übernahmen neu sortiert. Wer will, dass von den hiesigen Instituten wenigstens die Deutsche Bank dabei als Akteur auftritt und nicht zum Opfer wird, muss ihren Kurs akzeptieren, auch wenn das schwer fällt. Denn nur eine Bank mit hoher Effizienz und hohem Gewinn wird an der Börse hoch bewertet. Nur ein hoher Kurs schützt vor einer Übernahme gegen den eigenen Willen. Ein hoher Kurs aber lässt sich auf die Dauer kaum mit Aktienrückkäufen verteidigen. Die polieren nur das Bild für Momentaufnahmen.

Ein Blick in die USA zeigt, wie hoch außerhalb Europas das Fusions- und Übernahmetempo wieder geworden ist. Über eine Billion Dollar schwer war der Übernahmemarkt in den USA im vergangenen Jahr, in Europa wurden Transaktionen im Wert von immerhin rund 600 Milliarden Dollar unterschrieben. Allein die Verkäufe von Unternehmensbeteiligungen bei den Banken, von Wohnungsbeständen bei den Unternehmen und Abspaltungen von Firmenteilen zeigen, dass auch in Deutschland viel mehr in Bewegung ist, als man auf den ersten Blick vermutet. Kapitalanlagegesellschaften wie Fortress, Blackstone, Lonestar waren vor zwei Jahren hier völlig unbekannt – und wurden innerhalb von zwei Jahren zu den größten Vermietern im Land.

Wem nutzt es, wenn die Deutsche Bank am Ende zwar eine deutsche Bank bleibt, aber immer weniger Mitarbeiter hat? Die Bundesregierung, die deutsche Wirtschaft und auch die Gewerkschaften finden, dass das Land auch künftig mindestens eine Großbank mit Sitz in Deutschland braucht. Da kann man anderer Meinung sein. Klar aber ist, dass die Deutsche Bank nur dann bleiben kann, wenn sie selbst wieder zu einem der großen Spieler auf dem Weltmarkt wird und selbst entscheiden kann. Wer der Überzeugung ist, dass es auch künftig deutsche und europäische Champions geben soll, muss es ertragen, dass sie im Augenblick nicht besonders viel für die Gemütsruhe dieses Landes tun. Das gilt für die Banken, für die Massenhersteller in der Automobilbranche; und für den Maschinenbau gilt es auch.

Allerdings: Wenn Josef Ackermann und seine Vorstandskollegen von ihrer Firma, von ihren Mitarbeitern und vom Land trotz aller Zumutungen Aufbruchstimmung, Energie und gute Ideen verlangen – dann müssen sie selbst genau das auch liefern. Sparen allein reicht nicht. Reflexe hin, Reflexe her.

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