Ärzte ohne Grenzen im Irak : „Die Menschen sind froh, entkommen zu sein“

Anja Wolz koordiniert für Ärzte ohne Grenzen die Nothilfe in Mossul. Im Interview spricht sie über die Schlacht um die Stadt, Hilfe für Flüchtlinge und deren Ängste.

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Anja Wolz (47) koordiniert für Ärzte ohne Grenzen die Nothilfe in Mossul. Die Krankenschwester war zuvor unter anderem in Libyen und in Sierra Leone tätig. Foto: Sylvain Cherkaoui/Cosmos
Anja Wolz (47) koordiniert für Ärzte ohne Grenzen die Nothilfe in Mossul. Die Krankenschwester war zuvor unter anderem in Libyen...Foto: Sylvain Cherkaoui/Cosmos

Frau Wolz, seit Monaten versuchen irakische Einheiten, die Großstadt Mossul vom „Islamischen Staat“ zurückzuerobern. Welche Folgen haben die Kämpfe für die Zivilbevölkerung?

Wir von Ärzte ohne Grenzen helfen vor allem Menschen, die infolge der Gefechte verletzt wurden. In den vergangenen Monaten konnten allein in einer unserer provisorischen Kliniken mehr als 2000 Verwundete versorgt werden. Hinzu kommen Iraker mit Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes. Kinder sind oft unterernährt. Es ist offenbar sehr schwierig, in den belagerten Bezirken der Stadt an Lebensmittel zu gelangen. Wenn es überhaupt Nahrung gibt, dann ist sie sehr teuer. Und: Viele Flüchtlinge brauchen psychologische Betreuung.

Was berichten die Menschen?

Die meisten sind einfach froh, entkommen zu sein. Oft konnten die Leute ja ihre Häuser wegen der Kämpfe lange Zeit nicht verlassen. Ganz abgesehen davon, dass es an allem fehlt. Von der Gesundheitsversorgung bis zum Trinkwasser. Nun sind die Familien in Sicherheit. Das macht sie glücklich. Sie bangen jedoch um Freunde und Angehörige, die zurückgeblieben sind. Generell ist die Angst sehr groß. Keiner weiß, was ihn erwartet.

Wie viele Einwohner Mossuls sind von der Schlacht unmittelbar betroffen?

Schätzungen gehen davon aus, dass bereits mehr als 470000 Frauen, Kinder und Männer ihr Zuhause verlassen haben. Etwa 160000 sollen noch eingeschlossen sein.

Menschen holen im westlichen Teil von Mossul an einer Verteilstelle etwas zu essen. Foto: Bram Janssen/AP/dpa
Menschen holen im westlichen Teil von Mossul an einer Verteilstelle etwas zu essen.Foto: Bram Janssen/AP/dpa

Können denn so viele Menschen unter Kriegsbedingungen überhaupt halbwegs ausreichend betreut werden?

Nun, die Versorgung ist zwar nicht die allerbeste. Aber immerhin gibt es in den Flüchtlingslagern Ärzte und Betreuungspersonal. Die Leute haben einen Platz zum Schlafen, bekommen ausreichend zu essen. Das klappt, weil die Hilfsorganisationen sich auf diese Situation vorbereitet haben. Denn es war klar, dass die Menschen unbedingt in der Nähe ihrer Heimat bleiben wollen. So ist es auch gekommen.

Vor dem Beginn der Schlacht um Mossul war immer wieder zu hören, die irakischen Behörden hätten sich auf die hohe Zahl Flüchtender nicht ausreichend vorbereitet. Den Eindruck teilen Sie nicht?

Es gab schon Anlaufschwierigkeiten. Ich finde allerdings, es funktioniert im Rahmen der Möglichkeiten jetzt recht gut.

Es wird bereits seit Monaten gekämpft. Sind die Menschen zuversichtlich, dass der IS bald besiegt sein wird?

Von irakischen Militärs in Mossul ist zu hören, dass sie zum Ramadan die Offensive erfolgreich beenden wollen. Das wäre Ende Mai. Aber ich kann nicht einschätzen, wie realistisch das tatsächlich ist.

Angenommen, die Rückeroberung gelingt innerhalb der nächsten Wochen: Könnte so vermieden werden, dass Hunderttausende zu Dauer-Flüchtlingen werden?

Nach Angaben der irakischen Behörden sind immerhin bereits Zehntausende in den befreiten Ostteil Mossuls zurückgekehrt. Das zeigt: Die große Mehrheit der Einwohner will auf jeden Fall in ihre Häuser zurückkehren. Vorausgesetzt, es herrscht Sicherheit.

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