Politik : Afghanistan: Bauern, Hirten und Intellektuelle

Elke Windisch

Der General der Nordallianz, Hamid Karsai, soll Präsident der Übergangsregierung für Afghanistan werden. Der ideale Kandidat, fand man auf der Petersberg-Konferenz. Zum einen, weil Karsai immer gegen die Taliban gekämpft hat, zum anderen, weil er als Paschtune der größten Volksgruppe des Landes angehört. Denn das afghanische Volk setzt sich aus einer Reihe von Ethnien zusammen. Grafik: Ethnische Gruppen in Aghanistan Paschtunen: Sie selbst nennen sich die "wahren Afghanen". Bis 1979 stellten sie 51 Prozent der Bevölkerung. Von den rund sechs Millionen, die nach dem Einmarsch der Sowjets vor allem nach Pakistan flüchteten, machten sie mit 85 Prozent den größten Teil aus. Mit jetzt 40 Prozent bilden die Paschtunen aber immer noch die größte Volksgruppe in Afghanistan. Sie regieren das Land seit der Trennung vom Iran 1747, viele von ihnen sind Bergbauern, teilweise Nomaden. Ihre Sprache, Paschtu, gehört zum Ostzweig der iranischen Sprachen. Die Paschtunen teilen sich in zahlreiche Stämme und Unterstämme, die mehrheitlich die Taliban unterstützten. Talibanführer Mullah Mohammed Omar ist Paschtune, ebenso wie der Ex-König Zahir Schah und der ehemalige, moskautreue Regierungschefs Najibullah. Expremier Gulbuddin Hekmatyar gehört zum kleinen Stamm der Kharoti, den die Monarchie im neunzehnten Jahrhundert umsiedelte, um den Anteil des Staatsvolks im Norden zu erhöhen. Die Mehrheit der Paschtunen bekennt sich zum sunnitischen Islam.

Tadschiken: Mit fünf Millionen Menschen machen sie die zweitgrößte Volksgruppe aus. Die Tadschiken sind ursprünglich Westiraner wie die eigentlichen Perser; ihr Idiom - Dari - ist nur ein Dialekt des persischen Farsi. Tadschiken stellen in Afghanistan traditionell die intellektuelle Elite, sie regierten aber nur zwei Mal: 1928, als Reformkönig Amanullah gestürzt wurde, und 1992, nach dem Sturz Najibullahs bis zur Machtübernahme der Taliban. Als Tadschiken bezeichnen sich auch diejenigen Paschtunen, deren Muttersprache Farsi ist. Die Tadschiken sind sunnitische Muslime.

Usbeken: Sie stellen mit 2,3 Millionen die drittgrößte Volksgruppe des Landes - allerdings erst seit 1920. Damals wurde Usbekistan zu einer Sowjetrepublik, woraufhin Tausende Usbeken südwärts nach Afghanistan flüchteten. Die Usbeken siedeln im so genannten Tschor-Vilajet - das sind die Nordprovinzen, die an Usbekistan grenzen. Die wichtigste davon ist Balch mit Mazar-i-Scharif als zweitgrößter Stadt des Landes. Die Sprache der Usbeken ähnelt dem in Westchina gesprochenen Uigurisch. Ihr Name geht auf Khan Özbek zurück, einen Enkel Dschingis Khans, unter dem die Usbeken im dreizehnten Jahrhundert aus dem Südural nach Zentralasien abwanderten. Die afghanischen Usbeken sind überwiegend sunnitische Muslime. Ihr Führer ist General Abdurraschid Dostum, der gegenwärtig Verbündeter der Nordallianz ist.

Hazara: Sie machen mit etwa zwei Millionen rund neun Prozent der afghanischen Bevölkerung aus. Die Hazara-Stämme bekennen sich zum gleichen schiitischen Islam wie die Iraner. Sie lebten bis zum 18. Jahrhundert auch an der Grenze zu Iran, wurden dann aber von den Tadschiken ins zentrale Bergland abgedrängt. Ihre Vorfahren waren Mongolenkrieger Dschingis Khans, die sich nach der Eroberung Afghanistans mit der ansässigen Bevölkerung vermischten. Die Hazara sind momentan Verbündete der Nordallianz, ihr Führer Karim Halili, kooperierte jedoch zeitweilig mit den Taliban. Beim innerafghanischen Machtpoker blieben sie bisher außen vor; für die größeren Volksgruppen waren die Farsi-sprechenden Hazara stets Afghanen zweiter Klasse

Pamirvölker: Mit etwa einer Million Menschen stellen sie fünf Prozent der Bevölkerung. Die Pamirvölker setzen sich aus so genannten Mini-Völkern zusammen, von denen eines oft nur an die 50 000 Menschen umfasst. Sie leben in der Region Badachschan, deren Norden zu Tadschikistan gehört. Sie sind ismailitische Schiiten; die Ismailiten haben Relikte der Lichtreligion Zarathustra bewahrt und verehren das heilige Feuer. Ihr Oberhaupt kommt seit Mitte des 19. Jahrhunderts aus der indischen Dynastie der Agha Khan.

Kafiren: Sie leben in Nuristan - dem "Land der Lichtmenschen", sind jedoch eher Finsterlinge. Wer fünf Fremde erschlug, erwarb sich damit noch in den Vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Recht auf den blauen Turban. Erst 1895 wurden die fünf alt-arischen Stämme mit Gewalt zum Islam bekehrt. Daher der Name Kafir - ungläubig. Ihr Götterhimmel weist Ähnlichkeiten mit dem der Hindus auf, deren Kastensystem sie in Teilen bewahrt haben.

Weitere Volksgruppen sind die im Norden des Landes lebenden 500 000 Turkmenen und etwa 15 000 Kirgisen, sowie in der südwestlichen Wüste das Nomadenvolk der etwa 200 000 Belutschen.Deren Vorfahren kamen im zehnten Jahrhundert aus dem Iran. Von dort wanderten auch das Hirtenvolk der Bachtiaren und die türkischen Kizilbasch ein - Nachkommen von Derwischen, die wegen sozialrevolutionärer Ideen von den Safawiden-Schahs im 18. Jahrhunderts umgesiedelt wurden.

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