Afghanistan-Connection : „Militärs führen immer die Kriege von gestern...“

„...mit dem Material von vorgestern“: Kapitän zur See a.D. Heinz Dieter Jopp über Konfliktszenarien der Zukunft - und was der Materialzustand bei der Bundeswehr mit der S-Bahn in Berlin gemein hat.

von und Markus Frenzel
Ein Bundeswehrsoldat sitzt am MG eines Panzers vom Typ "Marder". Foto: dpa
Ein Bundeswehrsoldat sitzt am MG eines Panzers vom Typ "Marder".Foto: dpa

Herr Jopp, sie waren Fachbereichsleiter an der Führungsakademie - würden Sie sagen, die Ministerin von der Leyen wird einseitig beraten?
Ja. Ich würde das festmachen an den Beschaffungen der letzten Jahre, bei denen es vorrangig darum ging, die Heerestruppe in Afghanistan zu beliefern – zulasten anderer Streitkräfte wie Marine und Luftwaffe, und zulasten der Truppe, die hier zu Hause oder woanders im Einsatz war.

Jetzt wurde bekannt: Das Material ist in so schlechtem Zustand, dass die Truppe nur bedingt einsatzbereit ist.
Das erinnert an das S-Bahn-Chaos in Berlin. Bei der Bundeswehr wird seit Jahren gespart, der Verteidigungsetat ist eingefroren, obwohl die Aufgaben immer mehr werden, man wollte die Friedensdividende einstreichen. Das Geld, das man ausgegeben hat, hat man für den Einsatz am Hindukusch ausgegeben. Für Wartung und Instandsetzung gab und gibt es nichts, man fährt auf Verschleiß – und muss mit einem Mal erkennen, man kann nicht mal die Zusagen an die Nato einhalten. So war es auch bei der Deutschen Bahn, als deren Chef Hartmut Mehdorn, sie auf den Börsengang vorbereitete: Spardruck, kein Geld für Wartung und Instandsetzung – und mit einem Mal stand der Verkehr in der Hauptstadt.

Sie sind Mitbegründer des Instituts für strategische Zukunftsanalyse – wo sehen Sie etwaige Beratungsdefizite der Ministerin?
Zurzeit scheint es mir so zu sein, dass Einsätze der Bundeswehr auch mit Blick auf die Zukunft sich vorrangig am vorangegangenen Afghanistanfeldzug orientieren. Militärs führen immer die Kriege von gestern mit dem Material von vorgestern. Die Frage, die aber im Raum steht, ist: Was an Bedrohungen ist vorstellbar neben den offensichtlichen – also Ukraine und IS?

Als da wären?
Kriege um Wasser zum Beispiel. Wenn die Einschätzungen der UN zur Bevölkerungsentwicklung zutreffend sind, dass sich die afrikanische Bevölkerung bis 2050 auf zwei Milliarden verdoppelt, und bis 2080 nochmals auf dann vier, auf einem Kontinent, der unstreitig am meisten unter Klimawandelfolgen zu leiden haben wird, dann müssen wir uns fragen, wie wir all dem begegnen, was daraus folgt, an Migration, an Grenzverschiebungen, an Konflikten um Rohstoffe aller Art.

Sieht man diese Probleme im Ministerium wirklich nicht?
Über diese Dinge wird schon nachgedacht. Im Planungsamt zum Beispiel. Die Frage ist allerdings, und das ist für mich das Beunruhigende, ob das auch die höheren und höchsten Ebenen erreicht. Da sind wir dann wieder bei der Verantwortung des ministeriellen Beraterumfeldes. Man weiß nicht was die Zukunft bringt, aber man kann, man müsste in Zukünften denken. Auch und gerade im Ministerium. Unter Einschluss der Ministerin.

Warum ist es so schwierig, aus dem Wissen um solche Megatrends Konsequenzen zu ziehen?
Es gibt Gremien gibt wie den wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für globale Klimafragen, der sehr vorausschauend agiert. Aber dessen Expertise mündet in Studien, die vor- und dann beiseite- und abgelegt werden. Weil die meisten Dinge Entwicklungen betreffen, die erst in zehn, 15 Jahren eintreten werden – und das ist für einen Politiker ein Zeitraum, für den er sich nicht verantwortlich fühlt.

Ein Beispiel, bitte!
An der Küste, in Norddeutschland wissen alle seit Jahrhunderten um die Gefahr, die von den Stürmen über der Nordsee ausgehen und haben angefangen Deiche zu bauen. Solche Deiche haben die USA zum Beispiel nicht. Weil die Wahrscheinlichkeit einer Sturmflut für eine Stadt wie New York in der Vergangenheit sehr gering war, statistisch ist einer alle hundert Jahre angegeben worden. Jetzt aber, da der Wasserspiegel auch des Atlantiks steigt, geht man davon aus, dass New York alle drei bis vier Jahre eine Sturmflut haben könnte, die dazu führt, dass zum Beispiel ein Stadtteil wie Manhattan unter Wasser steht, die U-Bahn und alles, was unter der Erde ist, absaufen würde. Das weiß man jetzt. Das hat aber bis heute nicht dazu geführt, dass man in den USA anfangen würde, Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Die "Afghanistan-Connection" ist eine Recherchekooperation des Tagesspiegel und des ARD-Magazins "Fakt". Alles zum Thema finden Sie unter www.afghanistan-connection.de

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