Politik : Afghanistan: Das große Spiel

Gabriele Venzky

Pakistan: Anwalt der Taliban

Es gibt wohl niemanden, der unglücklicher ist über die Entwicklung in Afghanistan, als Pakistans Präsident Musharraf. Mit der Einnahme von Kabul durch die Nordallianz muss Pakistan den Jahrzehnte gehegten Traum vom Vasallenstaat im Nachbarland begraben, der ihm im Falles eines Kriegs mit dem Erzfeind Indien eine Rückfallposition geboten hätte, oder wie es die pakistanischen Militärs nennen: strategische Tiefe.

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Nur aus diesem Grunde hatte der pakistanische Militärgeheimdienst ISI zunächst die Mudschaheddin während des Kriegs gegen die Sowjetunion gepäppelt und dann, als diese ihm nicht das ersehnte freundlich gesinnte Regime in Kabul lieferten, den Alptraum Taliban geschaffen. Nun muss sich der pakistanische Militärherrscher auch für den entscheidenden Machtkampf mit den Radikalislamisten im eigenen Land rüsten. Die haben in Wildwestmanier den "Big Showdown" für den Fall angekündigt, dass ihre Taliban-Brüder in Afghanistan in Bedrängnis geraten. Grafik: Afghanistan

Die Fundamentalisten haben ohnehin bereits den gesamten Staat unterwandert. Das geht auf das Konto des früheren Diktators Zia ul-Haq, der bis zu seinem mysteriösen Tod bei einem Flugzeugabsturz 1988 Pakistan radikal islamisierte. Nun sitzen die Islamisten überall, in den Moscheen und Koranschulen, in der Bürokratie, in den zahlreichen Trainingscamps der Terroristen, die ja nicht nur in Afghanistan oder Kaschmir Krieg führen, sondern auch im eigenen Land.

Am gefährlichsten ist freilich, dass die religiösen Eiferer nicht nur den allgegenwärtigen Geheimdienst ISI dominieren, sondern dass fast die Hälfte der jüngeren Offiziere in der Armee mit den Taliban sympathisieren. Hier sitzen die Leute, die Osama bin Laden den Zugang zum pakistanischen Atomarsenal verschaffen wollen.

Der pakistanische Militärchef versucht deshalb mit großer Hartnäckigkeit, die Außenwelt davon zu überzeugen, dass eine einzige Gruppe Afghanistan keinen Frieden bringen könne. Damit meint er die Nordallianz, den Erzfeind der Taliban-Kreatur Pakistans. Musharraf befürwortet die sofortige Entmilitarisierung Kabuls und tritt für den Einschluss von so genannten "moderaten" Taliban in eine neue Regierung ein.

So würde das händeringend gesuchte paschtunische Element repräsentiert sein, argumentiert der General spitzfindig. In Wahrheit geht es ihm darum, den Druck aus dem Dampfkessel Pakistan zu nehmen. Ob es freilich noch gelingt, das Übergreifen des afghanischen Chaos auf das 140 Millionen Menschen zählende Pakistan zu verhindern, ist fraglich. Afghanistan ist ohnehin schon zum Schicksal Pakistans geworden: Es hat das Land destabilisiert, mit Drogen und Waffen überschwemmt, hat es hoffnungslos verschuldet (38 Milliarden Dollar) und in die Arme der Fundamentalisten getrieben.

Eifrig an dieser Entwicklung mitgewirkt haben selbst die zivilen Premierminister Benazir Bhutto und Nawaz Sharif - und sogar Benazirs Vater, der von Zia ul Haq gehenkte Regierungschef Zulfikar Ali Bhutto. Geholfen haben freilich auch die Amerikaner. Sie pumpten fünf Milliarden Dollar in den Afghanistan-Krieg gegen die Sowjetunion, unterstützten erst die Mudschaheddin inklusive Osama bin Laden, dann die Taliban. Und ermöglichten dem Geheimdienst ISI, der fleißig von dem Dollarsegen für sich abzweigte, ein Staat im Staate zu werden, ohne dessen Segen in Pakistan nichts mehr läuft.

Iran: Unter den Siegern

Iranische Medien und politische Kreise in Teheran machen keinen Hehl aus ihrer großen Erleichterung über den Sturz der auch von den Iranern verhassten Taliban im benachbarten Afghanistan. "Dieser große Sieg ist eine Errungenschaft des afghanischen Volkes", würdigt das Außenministerium in Teheran den Einzug der oppositionellen Nordallianz in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Die Niederlage der Taliban liegt im Interesse des iranischen Regimes, das sich von diesen brutalen Fundamentalisten jahrelang direkt bedroht fühlte.

Teheran unterstützt seit Jahren die Nordallianz mit Waffen und Militärberatern, sowie den von den Taliban 1996 gestürzten Präsidenten Rabbani. Dennoch verfolgen die Iraner den Einzug der Nordallianz in Kabul mit Unbehagen. Denn seine Schützlinge haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie dem Land durch Rivalitätskämpfe und blutige Rachefeldzüge keine Stabilität zu bescheren vermögen. Der Iran musste dafür schon einen hohen Preis zahlen, indem er eineinhalb Millionen afghanische Flüchtlinge - weitgehend ohne internationale Hilfe - beherbergt. Jetzt drängt das iranische Außenministerium die Nordallianz, sich bei ihren Siegeszügen "die Rechte der Bürger voll zu respektieren und islamische Milde walten zu lassen".

Doch die Vorstellung einer von den USA eingesetzten Regierung in Kabul löst in Teheran tiefstes Mißtrauen aus. Wiederholt warnte der "Geistliche Führer", Ayatollah Chamenei davor, dass die Amerikaner nur einen Vorwand suchten, um auch in Zentralasien strategisch Fuß zu fassen und der Iran schließlich eingekreist würde.

Die Entwicklungen im Nachbarstaat bieten dem international so lange isolierten Iran aber eine neue Chance, eine Rolle auf der Weltbühne zu übernehmen. So registriert man in Teheran befriedigt Erklärungen von US-Regierungsvertretern, die Irans Interesse an der Bildung einer neuen afghanischen Führung anerkennen. Teheran geht es primär darum, dass in Kabul eine Regierung die Macht übernimmt, die der persischen Kultur und Sprache und der schiitischen Minderheit des Landes wohlgesinnt ist. Die Mehrheit der afghanischen Schiiten gehören der ethnischen Gruppe der Hasara an, die einen persischen Dialekt spricht.

Die Hasara wurden von den Taliban terrorisiert. Im August 1998 wurden 2000 Stammesmitglieder in der nördlichen Stadt Mazar-i Sharif ermordet und in diesem Jahr fanden zwei Massaker mit Hunderten Toten statt. Doch die Hasara litten auch unter der Präsidentschaft Rabbanis, einem ethnischen Tadschiken. Deshalb - so fürchtet Teheran - könnten die Hasara von der Nordallianz aus einer neuen Regierung in Kabul ausgeschlossen werden, wenn sich der Iran nicht für sieeinsetzt.

Tadschikistan: Hoffen auf Stabilität

Wie das Kaninchen auf die Schlange starrt Tadschikistan auf die Entwicklungen in Afghanistan: Alles, was sich jenseits der über elfhundert Kilometer langen Grenze abspielt, tangiert die kleine, arme und von inneren Konflikten gebeutelte Ex-Sowjetrepublik mehr als jedes andere Nachbarland Afghanistans. Nördlich des Grenzflusses Pjandsch selbst lebt mit rund sechs Millionen nur gut die Hälfte der Tadschiken. Die andere Hälfte ist die größte ethnische Minderheit Afghanistans und stellt dort rund 35 Prozent an der Gesamtbevölkerung.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebten die Tadschiken, die sich gegenüber den zugewanderten Turkvölkern Zentralasiens stets als das eigentliche Kulturvolk der Region betrachteten, in mehreren lose organisierten Kleinstaaten, in denen das Bekenntnis zum Islam staatsbildendes Prinzip war. Dann traten die Kolonialmächte auf den Plan. Den Süden des Khanats Chodschent schlugen die Briten ihrer Halbkolonie Afghanistan zu, den Norden besetzten die Russen. Die Sowjets hievten später die nördlichen Clans an die Macht. Sie kontrollierten den Drogenschmuggel, der ihnen nach Moskaus Einmarsch in Afghanistan zu Reichtum verhalf. Daran beteiligt zu werden, war nach der tadschikischen Souveränitätserklärung im September 1991 erklärtes Ziel des Südens. Religiöse Gegensätze heizten den Konflikt der Clans weiter an. Die Mehrheit bekennt sich zum sunnitischen Islam. Die meisten afghanischen Tadschiken sind Ismailiten - eine Seitenrichtung des schiitischen Islam, die Relikte der Lichtreligion Zarathustras bewahrt hat. 1992 kam es zum Bürgerkrieg. Tausende starben bei Straßenkämpfen, eine halbe Million Menschen flüchtete nach Afghanistan.

Neuer tadschikischer Präsident wurde 1992 Imomali Rachmonow, dessen wichtigste Machtstütze russische Soldaten waren. Die Opposition unterstützte derweil Afghanen-Präsident Burhanuddin Rabban¬¤, einen ethnischen Tadschiken, gegen den paschtunischen Premier Hekmatyar. Der 1997 unter UN-Ägide ausgehandelte Waffenstillstand brachte einen fragilen Frieden: Ein Drittel der Ministerposten ging an die Opposition, ihren Kämpfern wurden Amnestie und Eingliederung in die Streitkräfte zugesagt. Doch bis heute kontrolliert die Regierung nur Teile des Landes, das noch immer an den Folgen des Bürgerkriegs leidet und zu den ärmsten Ländern der Welt gehört.

Und die Spannungen steigen erneut. Teile der Opposition, die bei der Postenverteilung zu kurz kamen, drohten immer wieder mit dem Ausstieg aus den Friedensvereinbarungen. Der radikale Flügel der Opposition, dessen Milizen ihre Waffen nie abgaben, unterstützte sogar die auf Seiten der Taliban kämpfende Islamische Bewegung Usbekistans (IMU). Sie besteht vor allem aus ethnischen Tadschiken, die in der Nachbarrepublik kaum Minderheitenrechte haben. Nach Einfällen der Islamisten über Tadschikistan hat Usbekistan die gemeinsame Grenze vermint. Dieser Konflikt sowie Grenzstreitigkeiten und der Kampf um die knappen Wasserressourcen könnten sich in einem regionalen Krieg entladen, befürchteten Beobachter. Mit dem politischen Ende der Taliban werden aber sowohl der radikalen tadschikischen Opposition als auch der IMU Finanzquellen und Operationsgrundlage entzogen. Die tadschikische Regierung hofft daher nun vor allem auf die Konsolidierung der eigenen Macht und längerfristig auf Stabilität und ein verbessertes Verhältnis zu den Nachbarländern.

Turkmenistan: Aufs falsche Pferd gesetzt

Das Staatswappen Turkmenistans ziert ein Gaul - der Lieblingsrenner von Staatspräsident Sapurmurat Nijasow. Sein Konterfei springt die paar Ausländer, die für die zentralasiatische Republik ein Visum bekommen, von Häuserwänden und dem Boden von Wodkaflaschen an. Nijasow, der ehemalige KP-Chef der Republik, der offiziell den Titel Turkmenbasi - Führer aller Turkmenen - führt, ließ sich vom gleichgeschalteten Parlament zum Präsidenten auf Lebenszeit küren.

Totalitarismus pur, der jede Opposition im Keim erstickt, hat aus der Sicht der Nachbarstaaten jedoch auch sein Gutes. Turkmenistan blieb bisher von Bürgerkrieg und Invasionen der Islamisten verschont. Nijasow selbst erklärt dies mit strikter Neutralität, die aber genau genommen keine ist. Denn als einziger Staatschef Zentralasiens unterhielt Nijasow bis vor kurzem noch beste Beziehungen zu den Taliban und plädierte kurz vor den Terroranschlägen vom 11. September noch für deren Integration in die Weltwirtschaft. Vor allem zu eigenem Nutzen: Turkmenistan verfügt über die weltweit größten Gasreserven. Deren Export über pakistanische Seehäfen scheiterte bislang jedoch an den Wirren in Afghanistan, zu dem es als Transitland keine Alternative gibt. Um die Taliban zu unterstützen, duldete Turkmenistan sogar Waffenlieferungen über sein Territorium für das Regime. Emissären der USA dagegen, die eine Nutzung der turkmenischen Basen sondierten, erteilte Nijasow eine Abfuhr. Sein Land solle nicht in den Konflikt mit hineingezogen werden.

Gerade das hielten Experten jedoch bislang für eine bloße Zeitfrage. Die Turkmenen, enge Verwandte der Türken, sind bis heute keine einheitliche Nation, viele von ihnen sind Nomaden. Im Nordwesten Afghanistans leben rund eine Million Turkmenen. Die 840 Kilometer lange und sehr durchlässige Grenze zwischen beiden Staaten könnte bei ungünstiger Entwicklung des Afghanistan-Konflikts Ziel einer großen Flüchtlingswelle werden. Zwangsläufig würden unter den Flüchtlingen auch bewaffnete Kämpfer sein, die einem radikalen Islam anhängen. Diese könnten die Situation in der Republik destabilisieren - zumal die Unzufriedenheit Nijasow größer wird.

Dem Präsidenten scheinen langsam auch die letzten Getreuen abhanden zu kommen. Erst vergangene Woche sagte sich der vor zwei Jahren vom Außenminister zum Botschafter in China degradierte Boris Schichmuradow öffentlich von ihm los. Im russischen Fernsehen äußerte er vernichtende Kritik über Turkmenistan als den "weltweit letzten Hort des Stalinismus". Schichmuradow kündigte an, sich an die Spitze einer Opposition zu stellen, die alle politischen Gruppen und die fünf Stämme der Turkmenen umfassen soll.

Usbekistan: Angst vor Islamisten

An einem Ende der Taliban-Herrschaft in Afghanistan ist Usbekistan vor allem wegen der damit verbundenen langfristigen Schwächung der islamischen Opposition interessiert. Zum anderen hofft Taschkent, dass der General Abdurraschid Dostum, der Führer der 2,6 Millionen afghanischen Usbeken, sich aufgrund seiner militärischen Hausmacht und seiner Kriegserfolge einen Schlüsselposten in der afghanischen Übergangsregierung erkämpft, um dort usbekische wie amerikanische Interessen zu vertreten. Als Gegenleistung dafür erwartet Usbekistan vom Westen die Anerkennung als regionale Führungsmacht, die eng in die militärischen Strukturen der Nato eingebunden wird, sowie umfangreiche Wirtschaftshilfe und Investitionen.

Seit dem Ende der Sowjetunion regiert der frühere KP-Chef Islam Karimow die 25-Millionen-Republik Usbekistan mit eiserner Faust. Angetreten war er zunächst im Schatten seines Vorbilds Atatürk, der die osmanische Türkei 50 Jahre zuvor in die Moderne führte. Auch Usbekistan, meinte Karimow, könne den Quantensprung in einem Menschenalter schaffen. Wenn nur die Opposition nicht stört, die sich in der Endphase der Perestroika im Schutz der Moscheen, Parteien und Bewegungen gegründet hatte und auf radikale Demokratisierung drängte. Forderungen, auf die Karimow mit Verboten und Repression reagierte. Die weltliche Opposition hatte ebenso wenig eine Chance wie der offizielle, gemäßigte Islam. Die Fundamentalisten jedoch schwenkten durch den Druck auf immer radikalere Positionen um - vor allem die Islamische Bewegung Usbekistans (IMU), die rund 5000 Anhänger unter Waffen hat. Die meisten von ihnen sind ethnische Tadschiken, die in Usbekistan ein Viertel der Bevölkerung stellen und kaum Minderheitenrechte haben. Ihrer Forderung nach einem Gottesstaat in ganz Zentralasien verleiht die IMU Nachdruck durch spektakuläre Überfälle von Afghanistan aus, wo sie auf der Seite der radikalislamischen Taliban kämpften.

Die IMU-Einfälle, für die Usbekistan die tadschikische Regierung verantwortlich macht, weil die durch lückenhafte Kontrollen den Transit der Gotteskrieger unfreiwillig ermöglicht, brachten beide Republiken mehrfach an den Rand des Krieges. Zusätzlich eskalierten die Spannungen durch den Kampf um die knappen Wasserressourcen der Wüstenregion, in der vier Fünftel des Ackerlandes von intensiver Bewässerung abhängig sind. Umweltsünden der Sowjets, die dem Aral-See die Zuflüsse entzogen, haben eine Klimakatastrophe heraufbeschworen, die Zentralasien, darunter weiten Teilen Afghanistans, das vierte Dürrejahr in Folge brachte. Die Instabilität der Region und die zögerliche Privatisierung haben Investoren bisher abgeschreckt. Die Mehrheit der maroden Staatsbetriebe ist daher bankrott, viele Arbeitsplätze wurden vernichtet. Das sorgt bei den Islamisten für neuen Zulauf - damit schließt sich ein Teufelskreis.

Seit dem Ende der UdSSR bemühte sich Karimow um Investitionen und Kredite. 1999 trat Usbekistan aus dem GUS-Vertrag für kollektive Sicherheit aus und meldete Interesse an einer Nato-Mitgliedschaft an. Engere Bindungen zum Westen machte Washington jedoch vom Abbau der Demokratiedefizite abhängig. Ein Argument, das nun weitgehend hinfällig ist. Die USA haben die IMU als Terrororganisation inzwischen selbst zum Abschuss freigegeben. Experten befürchten neue Übergriffe auf die gewaltlose Opposition.

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