Afghanistan : Der Vater der Nation

Der frühere König Afghanistans, Muhammed Sahir Schah, ist tot. Seit seiner Rückkehr aus dem Exil lebte er zurückgezogen in Kabul.

Elke Windisch[Moskau]
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Integrationsfigur. Der frühere König Sahir Schah wurde von allen Volksgruppen respektiert. -Foto: AFP

MoskauKabul hüllt sich für drei Tage in Schwarz, die Farbe der Trauer. Muhammed Sahir Schah ist tot: Im Alter von 92 Jahren verstarb Afghanistans Ex-König am Sonntag in seiner Residenz auf dem Gelände des Präsidentenpalastes, wo er die letzten Jahre still und zurückgezogen gelebt hatte. Im April 2002 aus dem römischen Exil zurückgekehrt und von den Massen in Kabul gefeiert, hatte ihm die Loya Jirga – die Große Ratsversammlung – zwei Monate später den Ehrentitel „Vater der Nation“ verliehen. Dieser war jedoch an die Forderung geknüpft, künftig nicht in die aktive Politik einzugreifen.

Sahir Schah, der stets um Ausgleich zwischen den ethnischen und religiösen Gruppen bemüht war, störte bei Plänen, dem Wüstenstaat am Hindukusch ein westliches Demokratiemodell überzustreifen, das keinerlei Rücksichten auf historisch gewachsene Befindlichkeiten nahm. Bei den Afghanen war die Absetzung Sahir Schahs denn auch umstritten. Viele meinen inzwischen, das Land wäre besser damit gefahren, den Ex-König nicht mit bloßen Ehrenvorrechten abzuspeisen und die konstitutionelle Monarchie wieder einzuführen.

Fast sechs Jahre nach dem Ende der Talibanherrschaft ist Afghanistan von nationaler Aussöhnung und Rückkehr zur Normalität noch immer Lichtjahre entfernt. Das zeigt nicht zuletzt das Drama um die Entführung zweier Deutscher. Präsident Karsai gilt weiten Teilen der Bevölkerung als Marionette Washingtons und hat daher nicht einmal seine paschtunische Bevölkerungsmehrheit hinter sich. Die übrigen ethnischen und religiösen Fraktionen des durch fast dreißig Jahre Krieg und Bürgerkrieg geschundenen Landes erkennen den Präsidenten zumeist nicht an.

Sahir Schah hingegen wurde von allen Gruppen respektiert. Von Geburt Paschtune vom Stamm der Durrani, der in Afghanistan herrschte, seit das Land sich 1747 von Iran unabhängig machte, ist seine Muttersprache wie bei den meisten gebildeten Afghanen Dari – das Idiom der Tadschiken, der zweitgrößten Volksgruppe und der eigentlichen Kulturnation Afghanistans. Vor allem aber: Die vierzigjährige Herrschaft Sahir Schahs ist für die meisten Afghanen bis heute ein Synonym für Stabilität, Modernisierung und bescheidenen Wohlstand.

1914 in Kabul geboren und teilweise in Frankreich erzogen, bestieg Sahir Schah den Thron schon als Neunzehnjähriger – wenige Stunden nach der Ermordung seines Vaters. Zwar regierten zunächst zwei seiner Onkel als graue Eminenzen, Sahir Schah machte sich jedoch für die Fortsetzung der in den 20er Jahren begonnenen gesellschaftlichen Modernisierung stark. In der Außenpolitik setzte er auf strikte Neutralität. Das galt auch im Zweiten Weltkrieg, als die einstige Kolonialmacht Großbritannien und die Sowjetunion den Kriegseintritt des Landes aufseiten der Anti-Hitler-Koalition forderten und die Ausweisung von deutschen Spezialisten verlangten.

Vorausgegangen waren Verhandlungen des Königs mit den Stammesfürsten. Sie bezog Sahir Schah, der sich stets nur als Erster unter Gleichen sah, in alle strategischen Entscheidungen mit ein. Auch nahm er Rücksicht auf ihre erzkonservativen Positionen. Radikale Reformen, auf die sein Neffe Daud drängte, der 1953 Premier wurde, hatten keine Chance.

Einerseits legte sich Afghanistan eine Zivilgesetzgebung nach französischem Vorbild zu. Andererseits blieb der Islam weiterhin Rechtsgrundlage. Auch eine Vereinbarung, mit der die Stammesfürsten die Oberhoheit der Zentralregierung anerkannten, wurde nur in Teilen erfüllt. Die Südwestprovinz Helmand beispielsweise, wo die Nato derzeit am härtesten von den Taliban bedrängt wird, war für Beamte des Königs stets tabu.

1964 trat Zahir Schah die Flucht nach vorn an und erklärte Afghanistan zur konstitutionellen Monarchie, deren Verfassung sich an westlichen Demokratien orientierte. Ein Jahr zuvor hatte der König alle Mitglieder der Königsfamilie aus politischen Ämtern entfernt. Das galt auch für Premier Daud, der sich 1973 rächte, Afghanistan zur Republik erklärte und dem auf Ischia urlaubenden König die Rückkehr untersagte. Später versuchte Sahir Schah zwar von Rom aus, die Entwicklungen in Afghanistan zu beeinflussen, doch hatte er dabei wenig Glück.

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