Politik : Afghanistan: Im Abseits

Elke Windisch

Russland stand im Terminkalender von Afghanistans Interimsregierungschef Hamid Karsai nicht an erster Stelle. In die USA und Großbritannien fuhr der Chef der Interimsregierung zuerst. Dann standen Frankreich und der - dann verschobene - Besuch in Deutschland auf dem Programm, anschließend Iran und Indien. Am Montagabend schließlich sollte Karsai in Moskau eintreffen.

Dass Russland in Karsais Diplomatie offenbar keine hohe Priorität hat, hat mehrere Gründe. Zwar unterstützte Moskau die von ethnischen Tadschiken dominierte Nordallianz bereits massiv, bevor sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Afghanistan richtete. Allerdings setzte Moskau bis zuletzt auf den früheren Präsidenten Burhanuddin Rabbani, den politischen Vormann der Nordallianz, der im vergangenen Jahr nur mit Mühe zum Machtverzicht bewegt werden konnte. Formell zumindest, denn Rabbani, der nach wie vor im Ark, dem Kabuler Königspalast sitzt, zündelt im Norden weiter gegen Karsai und hofft auf Revanche bei der für Juni geplanten Loya Dschirga - mit Sympathie Moskaus, wie es heißt.

Schwierigkeiten im Verhältnis der beiden Staaten könnte es auch wegen der geplanten Gaspipelines von Zentralasien nach Pakistan geben, über die Karsai in der vergangenen Woche in Usbekistan und Turkmenien verhandelte. Ein Projekt, mit dem Moskau in der Region weiter an Boden verliert. Fortdauernde Instabilität im Transitland Afghanistan käme Moskau daher trotz gegenteiliger offizieller Beteuerungen nicht ganz ungelegen.

Dass Moskau wegen eigener finanzieller Engpässe beim Geschäft mit dem Wiederaufbau Afghanistans nicht richtig mithalten kann, ist Grund für zusätzlichen Frust. Russland war auf der Tokioter Konferenz der Geberländer im Januar daher nicht vertreten und setzt nun auf separate Abmachungen mit Karsai. Geplant ist vor allem, die von der Sowjetunion in den Achtzigern gebauten Betriebe zu modernisieren. Außerdem will Russland bei der Sanierung von Wasserkraftwerken und Bewässerungsanlagen helfen. Im Februar hatte Verteidigungsminister Mohammed Fahim in Moskau Waffen- und Ersatzteillieferungen ausgehandelt. Die afghanische Kriegstechnik stammt vor allem aus sowjetischen Beständen.

Karsai dürfte in Moskau auch auf Herausgabe der Lagepläne für die von der Sowjetarmee verlegten Minen drängen. Das hat der Generalstab mit Berufung auf die Geheimhaltungspflicht bisher verweigert. Experten schätzen, dass es in Afghanistan noch bis zu zehn Millionen Landminen gibt.

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