Afghanistan : Im Hexenkessel

Acht Jahre Krieg in Afghanistan und kaum Erfolge. Im Gegenteil: Die Taliban werden wieder stärker. Und bei den Soldaten der internationalen Truppen macht sich ein Gefühl von Sinnlosigkeit breit. Ein Besuch in der umkämpften Provinz Paktika.

Carsten Stormer[Paktika]
Kabul
Ein afghanischer Polizist trägt einen verletzten Deutschen aus der Gefahrenzone beim UN-Gästehaus. -Foto: AFP

Die Taliban greifen am Vormittag an. Erst ist es nur ein Pfeifen, gefolgt von einer Explosion; nah, ganz nah. „Incoming“, schreit ein Soldat. Dann schlägt eine weitere Rakete auf das Flugfeld des amerikanischen Militärlagers Orgun-E in Afghanistan, nur wenige Kilometer von der pakistanischen Grenze entfernt. Dann noch eine. Ein Geschoss trifft das Dach der Kantine, Schrapnell- und Holzsplitter fliegen durch die Luft. Soldaten laufen aus ihren Baracken und in die Bunker, geduckt, die Hände zum Schutz über ihren Köpfen verschränkt. Offiziere brüllen Befehle – ein paar Minuten lang herrscht Chaos.

Ein Tag vor einigen Wochen, ein Tag, wie er sich seitdem x-mal wiederholt hat. Seit dem Sommer dieses Jahres haben die Angriffe der Taliban zugenommen. Sie erreichten einen neuen Höhepunkt am vergangenen Mittwoch mit einer Attacke gegen das Gästehaus der UN in Kabul, bei der acht Menschen ums Leben kamen. Kurz danach tötete ein Bombenanschlag 105 Menschen auf einem Markt im nordpakistanischen Peschawar.

Acht Jahre nach Beginn des Kriegs ist der Einsatz der internationalen Truppen ohne nennenswertes Ergebnis. Besonders angespannt ist die Lage in der afghanischen Provinz Paktika.

Master Sergeant James Erickson ist verärgert. Eigentlich wollte er an jenem Tag vor einigen Wochen frei nehmen. Erickson ist ein stämmiger Mann mit kurz geschorenem Haar und Sommersprossen im Gesicht. Ganz ruhig stellt er seinen Frühstückskaffee auf den Holztisch, zwängt sich in seine schusssichere Weste und setzt den Helm auf. „Ich lass mich von diesen Motherfuckers doch nicht in Panik versetzen“, sagt er und ruft dann seinen Soldaten zu, dass sie sich endlich in den Bunker verkriechen sollen. 15 US-amerikanische Soldaten, fünf rumänische und drei afghanische Übersetzer pressen sich in zehn Quadratmeter Sicherheit, umgeben von Betonwänden und Sandsäcken. Aus einem iPod dröhnt Lady Gaga, jemand erzählt schmutzige Witze; so lässt sich die Gefahr kurz ausblenden.

Die Artillerie der Amerikaner feuert auf die Stellungen der Taliban, die Wände des Bunkers erzittern. Zwei Stunden und sieben Raketeneinschläge später ist es wieder ruhig. Nur ein scharfer Wind bläst Staub und Sand in den Bunker.

Erickson ist Feldwebel einer Einheit von Bombenentschärfern im Feldlager Orgun-E, einer Festung aus Stacheldraht und Beton. Ein Nachschublager für Menschen und Material für die Front im Osten Afghanistans. Das Lager liegt in der Provinz Paktika, 170 Kilometer südöstlich von Kabul. Hier ist die Zeit nur mühsam vorangekommen. Die unwegsamen Berge sind das Operationsgebiet einer Allianz des Schreckens: Dort tummeln sich die Krieger von Mullah Omars Taliban, die Kämpfer aus Osama bin Ladens Terrornetzwerk Al Qaida: Araber, Tschetschenen, Usbeken und einige Afrikaner. Dazu kommen die Hisb-i-Islami-Kämpfer des Kriegsfürsten Gulbuddin Hekmatjar, der mit seinen Selbstmordattentätern Angst und Schrecken in afghanischen Städten verbreitet, sowie die Gefolgsleute des Siraj Haqqani, der Feinden zur Abschreckung auch mal die Köpfe abschneidet.

In diesem Hexenkessel kämpfen die Truppen der afghanischen Armee und Soldaten der Nato-Länder. Mehr als 21 000 zusätzliche Soldaten hat US-Präsident Barack Obama in die umkämpften Gebiete im Süden und Osten des Hindukusch geschickt. Es ist ein asymmetrischer Krieg, ein Schattenboxen ohne greifbaren Gegner – der aber immer mächtiger wird.

Die Taliban sind durch ihre aggressive Rekrutierungstaktik unter jungen Paschtunen zum größten Arbeitgeber in der Grenzregion zu Pakistan geworden. Sie tun das, was die afghanische Regierung nicht tut: Sie fällen Urteile nach islamischem Recht, schlichten Streitereien zwischen verfeindeten Clans.

Für Stephen Warren ist es der erste Kriegseinsatz, und den hat er sich ein bisschen anders vorgestellt. 15 Hubschrauberminuten von Camp Orgun-E entfernt sitzt er auf seinem Außenposten und blinzelt in die Dunkelheit, ein Nachtsichtgerät vor seine Augen geklemmt. 600 Meter unter ihm im Tal liegt das kleine Camp Tillman, der östlichste Posten der Amerikaner in Afghanistan und für zwölf Monate Stützpunkt von 80 US-Soldaten. Auf der anderen Seite der zackigen Berggipfel, nur zwei Kilometer von Warrens Posten entfernt, liegt die pakistanische Unruheprovinz Waziristan, das Rückzugsgebiet der Taliban und Drehscheibe des internationalen Terrorismus.

Es ist kalt hier oben, von Süden zieht ein Gewitter heran, und Stephen Warren schlingt sich seinen Poncho enger um seinen Körper. Seit zwei Tagen schon hockt er hier mit sechs Kameraden auf 2600 Metern Höhe und beobachtet die Bewegungen der Taliban. Eine feine Staubschicht liegt auf seinem Gesicht, und er hat dunkle Ringe unter den Augen. Warren, ein Fallschirmspringer vom 509. Infanterieregiment aus Fort Richardson in Alaska, sieht älter aus als seine 22 Jahre. Er ist nach Afghanistan gekommen, „um den Afghanen zu helfen und Taliban zu töten“. Der Gefreite ist vom Krieg enttäuscht. Statt Terroristen zu jagen, „schütteln wir Hände und verteilen Bonbons“. Er hat es satt, nett sein zu müssen, sagt er und zeigt auf die Silhouette einer Bergkette. Dort gibt jemand mit einer Lampe Lichtzeichen: an, aus, an, aus. Pause. Einige Kilometer weiter südlich blinkt es zurück. So geht das mehrere Stunden. „Wir wissen genau, dass dort die Taliban sitzen und Anschläge vorbereiten“, sagt Warren. „Nur dürfen wir nichts dagegen unternehmen, solange wir nicht hundertprozentig sicher sind, dass es sich um Feinde handelt. So ist die Vorschrift.“

Es beginnt zu regnen, Blitze zucken am Himmel, es donnert, und über Funk kommt die Nachricht, dass in Kandahar fünf Autobomben hochgegangen sind. 45 Menschen starben, Dutzende wurden verstümmelt. Höchste Alarmbereitschaft für Camp Tillman. Der Gefreite Warren lädt sein Sturmgewehr durch. Vor einigen Wochen hat er einen Feind getötet, erzählt er. Regen läuft ihm über das Gesicht. Da habe er sich zum ersten Mal nützlich gefühlt. Eine Gruppe Taliban griff mit Panzerfäusten, Mörsergranaten und Schnellfeuergewehren seine Patrouille an. „Ich habe einen Kerl zwei Mal in die Brust getroffen.“ Seither kämpft Warren nur noch gegen Kamelspinnen, Ratten, Mücken und Langeweile.

Jeder Tag ist gleich. Aufwachen mit den ersten Sonnenstrahlen, Wache schieben, Frühstück aus Tüten. Gewehr zerlegen, reinigen, wieder zusammenbauen. Kaffee trinken, Gewichte stemmen, Übungsschießen, Kopf ausschalten. Manche seiner Kameraden hatten noch nie eine feste Freundin, erleben aber schon ihren zweiten oder dritten Kriegseinsatz im Irak oder in Afghanistan. Halbe Kinder noch. Nachts Wachablösung alle zwei Stunden, zwischendurch spielen sie Risiko oder daddeln auf der Playstation. So vergehen die Tage. Morgen ist wie heute, wie gestern, wie immer. Welcher Tag ist heute? Die Soldaten wissen es nicht. Es spielt auch keine Rolle.

Auf einem Berg über der Straße, die von Orgun-E in das Örtchen Zerok führt, wuchtet sich Sergeant Dick Plank seinen Rucksack auf den Rücken. Die Soldaten nennen diese Straße „Ambush Alley“: Straße der Hinterhalte. Plank sieht aus wie ein Preisboxer. Von dem langen Aufstieg hat er rote Flecken im Gesicht, die Uniform ist von Schweiß und Regen durchtränkt. Seit Stunden treiben er und seine Einheit Talibanverbände vor sich her, marschieren durch endlose Latschenkiefern- und Blautannenwälder und über steile Bergkämme, mit 50, 60 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken: Munition, Granaten, Funkgeräte, Wasser und Essensrationen für drei Tage. Die Soldaten sind erschöpft.

Die Einheit von Sergeant Plank hat die schroffen Berge Nord-Paktikas erklommen, um einen Versorgungskonvoi, der zum Außenposten Camp Zerok fährt, zu schützen. Das Lager hat nach unzähligen Gefechten und Scharmützeln mit den Taliban kaum noch Munition, Brennstoff und Verpflegung. 65 US-Soldaten beziehen auf den umliegenden Gipfeln Position und laufen Patrouillen durch die Wälder. Unten im Tal warten 30 Lastwagen und Truppentransporter, die aussehen wie gepanzerte Möbelwagen. Am Himmel surren Aufklärungsdrohnen.

Die Taliban beobachten aus ihren Verstecken jeden Schritt der US-Soldaten, und die hören den Funkverkehr der Islamisten ab. Schon beim Aufstieg funken die Taliban, dass zwei Angriffsteams mit jeweils zehn Mann irgendwo in den Bergen positioniert sind, darunter Kämpfer aus Usbekistan. „Verdammt“, flucht Plank und steckt sich eine Zigarette an.

Stimme eins: „Salam Aleikum, Bruder. Hüte dich vor den Patrouillen, sonst töten dich die Amerikaner.“

Stimme zwei: „Danke Bruder, wir greifen nur den Konvoi an, sobald er weiterfährt.“

Drei Taliban, bewaffnet mit Panzerfäusten, laufen über die Straße und verschwinden im Wald. Kurz darauf kommt ein weißer Toyota angerast, hält an, ein Mann springt heraus und rennt einen Berghang hinauf. Angeführt werden die Gotteskrieger dieser Gegend von Mullah Said Sengin, einem etwa 45-jährigen Taliban-Kommandeur, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, alle Fremden aus seinem Reich zu vertreiben; egal ob Russen, Amerikaner oder die Soldaten von Noch-Präsident Hamid Karsai.

Stimme eins: „Ich sehe sie, Bruder. Ich kann sie beschießen. Soll ich sie angreifen?“

Stimme zwei: „Warte noch, bis du näher dran bist.“

Sergeant Plank geht hinter einem Baum in Stellung, blickt durch das Zielfernrohr seines Gewehrs und robbt an einen Felsvorsprung. Stille, nur der Wind zischt durch die Baumwipfel. Dann greifen die Taliban an, schießen mit Panzerfäusten und Mörsern auf einen gegenüberliegenden Hügel, wo eine andere Einheit US-Soldaten positioniert ist, keine 200 Meter von Sergeant Planks Stellung entfernt. Die Amerikaner auf dem Berg schießen zurück. 45 Minuten dauert das Gefecht, dann ist es wieder ruhig. Währenddessen liegen Planks Leute regungslos hinter Bäumen und beobachten die umliegenden Hänge.

Plötzlich sind Stimmen zu hören, sie sprechen Paschtu. Ganz in der Nähe knacken Zweige. „Psst“, macht Sergeant Plank, legt den Zeigefinger an die Lippen und lässt langsam den Finger über den Lauf seines Gewehrs fahren. Am Fuß des Hangs laufen einige Männer durchs Unterholz. Wie viele es sind, kann Plank nicht erkennen, aber er gibt den Befehl, ihnen den Weg abzuschneiden. Soldaten schwärmen aus, das Gewehr im Anschlag. Wenig später kreisen Apache-Kampfhubschrauber etwa 15 Meter über den Soldaten. Plank wirft sich zu Boden und wedelt mit einem roten Signaltuch, damit die Piloten nicht aus Versehen die eigenen Leute beschießen. Die Hubschrauber feuern mit ihren Bordkanonen in den Hang, wo sie den Gegner vermuten.

Dann beginnt es wieder zu regnen, die Apaches drehen ab, und die Taliban sind im Wald verschwunden. Neun Stunden später rumpelt der Konvoi im Schutz der Nacht unversehrt durch die Ambush Alley. Bombenentschärfer der US-Armee sprengen eine Mine, die in der Straße vergraben liegt. Die Taliban funken, dass einer ihrer Kommandeure schwer verletzt ist, und Sergeant Dick Plank legt sich erschöpft, nass und frierend auf seinen Poncho. Am nächsten Tag gehen erst die Essensrationen aus, dann das Wasser. Am Abend fährt der Konvoi ohne Zwischenfälle zurück ins sichere Camp Orgun-E. Feierabend. Dieses Mal ist alles gut gegangen. Doch die Schattenkrieger der Taliban haben Zeit – der nächste Konvoi kommt bestimmt.

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