Afghanistan-Krieg : "Die Nato verliert, die Taliban gewinnen"

In Brüssel wird der 60. Nato-Gipfel vorbereitet. Einer der Schwerpunkte wird der Kampf gegen die Taliban und Al Qaida sein. Pakistan spielt im Afghanistankrieg eine Schlüsselrolle. Der Tagesspiegel sprach mit Ahmed Rashid über die politische Krise in Pakistan und die deutsche Sicherheitspolitik.

Herr Rashid, im Herbst 2007 wurde der Oberste Richter Iftikhar Chaudhry vom damaligen Präsidenten Pervez Musharraf seines Amtes enthoben. Was bedeutet die Rückkehr des Obersten Richters für Pakistan?



Es ist ein Sieg für die Anwaltsbewegung und die Zivilgesellschaft in Pakistan. Gleichzeitig ist es ein schwerer Misserfolg für den amtierenden Präsidenten Zardari. Zwar muss er nicht fürchten, gestürzt zu werden. Aber die Bemühungen der Opposition, ihm seine Befugnisse per Gesetz zu entziehen, werden zunehmen.

Könnte es deshalb sein, dass Armeechef Ashafaq Kayani die Macht übernehmen will?

Ich denke nicht. Die Armee spielt eine wichtige Rolle. Aber während der Regierungskrise im Herbst 2008, als der damalige Präsident Musharraf zurücktreten musste, ist sie nicht eingeschritten. Das zeigt: die Armee respektiert die Politik.

In den vergangenen Wochen haben die Anschläge in der Region zugenommen. Welche Rolle spielt der pakistanische Geheimdienst ISI im Kampf gegen den Terror?

Die afghanischen Taliban haben ihre Rückzugsräume in Pakistan. Solange die Geheimdienste der internationalen Gemeinschaft sich diesem Problem nicht gemeinsam widmen, wird die Bedrohung durch die Terroristen ansteigen.

Sie waren am Wochenende auf der Nato-Tagung in Brüssel. Verliert die Nato den Krieg in Afghanistan?

Die Europäer müssen die Augen aufmachen. Fakt ist: die Nato verliert und die Taliban gewinnen den Krieg. Die afghanische Bevölkerung leidet unter diesem Zustand. Der Fokus sollte nicht mehr nur auf Afghanistan liegen. Es bedarf einer regionalen Strategie, die Afghanistans Nachbarn, vor allem Iran und Pakistan, miteinbezieht. Auch Indien spielt eine wichtige Rolle. Die Taliban breiten sich in der gesamten Region aus. Deshalb müssen die Anstrengungen des Westens erhöht werden, diesen Krieg zu beenden.

Muss auch Deutschland mehr tun?

Zuallererst sollte sich die Bundesregierung eingestehen, in der Vergangenheit Fehler begangen zu haben. Gute Absichten reichen leider nicht aus. Deutschland ist derzeit kein gern gesehener Gast in Afghanistan. Auf dem Natotreffen am Samstag in Brüssel wurde ein deutscher Diplomat für die Afghanistanpolitik der Bundesregierung sogar offen ausgelacht.

Was muss sich konkret an der deutschen Afghanistanstrategie ändern?

Die Ausbildung der afghanischen Polizei, für die die Deutschen verantwortlich sind, ist ein Desaster. Es gibt viel zu wenige Ausbilder vor Ort. Wenn Berlin schon keine Soldaten schickt, sollte Deutschland zumindest mehr Geld und andere Ressourcen zur Verfügung stellen. Die Skandinavier und die Japaner bezahlen beispielsweise sechs Monatsgehälter der afghanischen Polizei. Das ist genau die Unterstützung , die die afghanische Regierung benötigt. Würde Deutschland vielleicht für die nächsten sechs Monate aufkommen? Oder würde die Bundesregierung endlich genug Ausbilder für die Polizei entsenden?

Wäre es auch im eigenen Interesse Deutschlands, mehr zu tun? Oder ist die Bundesrepublik nicht im Visier der Terroristen?

Doch, das ist sie, denn Europa droht ein Anschlag. Es gibt allein 50 Deutsche, die sich in der Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan zu Terroristen haben ausbilden lassen. Einige haben bereits Kampferfahrung gesammelt. Die Sicherheitsdienste wissen, dass einige von ihnen auch in Deutschland leben. 2001 gab es noch keine deutschen Terroristen. Das sollte als ein ernsthaftes Alarmzeichen gewertet werden, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Staaten. Das Terrornetzwerk Al Qaida ist heute in der Lage, Menschen aus der ganzen Welt in diesem Grenzgebiet auszubilden. Das erklärt, warum sich die internationale Staatengemeinschaft in dieser Region militärisch engagieren muss.

Obama hat bereits angekündigt, die Zahl der US-Truppen in Afghanistan zu erhöhen. Welche Erwartung haben Sie an die neue Politik des US-Präsidenten?

So genau kennt man Obamas Strategie noch nicht. Aber positiv stimmt mich, dass es jetzt schon mehr Gespräche gibt zwischen der US-Regierung und den europäischen Nato-Partnern als unter seinem Vorgänger. Das zweite entscheidende Moment ist, dass jetzt das US-Außenministerium stärker involviert ist und nicht mehr nur das Verteidigungsministerium. Natürlich werden die USA jedes europäische Partnerland fragen, ob sie ihren Beitrag für Afghanistan erhöhen können. Aber die Betonung wird nicht mehr nur auf Truppenkontingenten liegen.

Im Sommer wird in Afghanistan ein neuer Präsident gewählt. Wie würden Sie die Amtszeit von Hamid Karzai bewerten?

Am Anfang seiner Präsidentschaft war er sehr populär. Karzai musste das Land in schweren Zeiten regieren. Die USA führten ihren Krieg im Irak und mussten deshalb Ressourcen aus Afghanistan abziehen. Er versuchte, Afghanistan nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Doch seine Nähe zur internationalen Gemeinschaft hat seinem Ansehen in der afghanischen Bevölkerung auch geschadet. Dennoch glaube ich, dass er den bestmöglichen Job gemacht hat, den ein Politiker unter diesen Umständen machen konnte.

Das Gespräch führte Matthias Lehmphul

Zur Person: Ahmed Rashid ist pakistanischer Journalist und war Kriegsberichterstatter im Afghanistan-Krieg in den 1980er Jahren. Heute arbeitet er für internationale Medien. Sein Buch "Taliban" war im Jahr 2000 weltweit ein Bestseller. Im Herbst 2008 erschien sein jüngstes Werk "Decent into Chaos" bei Penguin Books. Am Wochenende war er Gast bei einem Nato-Treffen in Brüssel.

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