Afghanistan : Radikal zivil

Malalai Joya kämpft für ein demokratisches Afghanistan – und fordert dafür den Abzug aller Truppen. Sie will, dass sich ihr Land selbst befreien kann.

Katharina Teutsch
Malalai Joya
Malalai Joya. -Foto: Frank Schwarz

Keine drei Minuten dauerte das Beben. Dann wurde Malalai Joya, Afghanistans jüngster und populärster Politikerin, einfach der Strom abgedreht. Mit ihrer couragierten Rede vor der verfassungsgebenden Nationalversammlung, der Loya Dschirga, im Jahr 2003 veränderte sich das Leben der Delegierten aus der Provinz Farah schlagartig. Sie hatte es gewagt, vor der Weltöffentlichkeit die innenpolitischen Missstände in ihrem Land anzuprangern. Korruption, Nepotismus und Heuchelei. Ihr Angriff galt vor allem jenen Mudschaheddin-Führern, die Afghanistan zwischen 1992 und 1996, vor der Machtübernahme durch die Taliban, in die Gesetzlosigkeit gestürzt hatten.

Der überwiegende Teil des politischen Personals im afghanischen Parlament entstammt dem Milieu der islamischen Guerillakämpfer und Warlords, die heute im Bündnis der Nordallianz von der internationalen Gemeinschaft protegiert werden. Die politische Einbindung dieser Kräfte durch die Regierung von Präsident Hamid Karsai hält Malalai Joya, die sich selbst als säkular bezeichnet, für einen schwerwiegenden Fehler.

Jetzt ist sie 29-jährige Frauenrechtlerin einer Einladung der Linksfraktion nach Deutschland gefolgt, um auf die Leiden der afghanischen Bevölkerung und die desolate Situation der Frauen aufmerksam zu machen. Vor allem aber fordert sie eins: den Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan. Ihre Begründung: Die internationale Gemeinschaft müsse Afghanistan mit ziviler Hilfe in die Lage versetzten, sich selbst zu befreien.

Malalai Joya war vier Tage alt, als die russischen Truppen in Afghanistan einmarschierten. Ihr Vater wurde im Widerstand gegen die Besatzer verwundet. 23 Jahre lang befand sich die Familie auf der Flucht. Malalai Joya wuchs in iranischen und pakistanischen Flüchtlingslagern auf. Um ihren Landsleuten im Kampf gegen die Armut und das Leiden beizustehen, kam sie 1998 nach Abschluss ihrer Schulausbildung in ihr Heimatland zurück. Dort und bei US-amerikanischen Nichtregierungsorganisationen hat sie sich seither als Frauenrechtlerin und politische Provokateurin einen Namen gemacht. Zwar sind 68 der 249 Sitze im afghanischen Parlament von Frauen besetzt, aber Joya hält die meisten für willenlose, teils fundamentalistische Marionetten der Warlords. 2006 wurde die progressive Frauenbeauftragte der afghanischen Regierung, Safia Amadschan, erschossen. Dies war der erste Anschlag der gerade wiedererstarkenden Taliban gegen eine Politikerin des neuen Afghanistan.

„Trotz demokratischer Fassade herrscht in Afghanistan noch immer die Macht der Waffen und der Drogenkartelle“, sagt Joya. Unter dem Schutz ihrer demokratischen Legitimation hätten die Warlords kein Interesse, etwas an den Machtverhältnissen und damit auch an der Situation der Menschen im Land zu ändern. Ihr Frauenbild unterscheide sich kaum von dem der fundamentalistischen Taliban. Noch immer müssten sich Frauen außerhalb Kabuls verstecken, seien Zwangsverheiratungen und brutalen Vergewaltigungen ausgesetzt.

Der internationalen Gemeinschaft wirft Malalai Joya vor, die Augen vor diesem Faktum zu verschließen. In einer Rede Joyas heißt es: „Die USA haben und ihre Alliierten haben das barbarische Regime der Taliban zwar gestürzt, aber die haben nicht den islamischen Fundamentalismus beseitigt, der das Grundübel für das Elend der afghanischen Frauen ist.“ Billionen von Dollar seien in den Netzen der Warlords hängen geblieben. Die Bevölkerung habe davon nie profitiert.

Unabhängige demokratische Strömungen würden zudem durch die politische Einbindung von „Kriegsverbrechern“ und „Drogenbaronen“ verhindert. „Solange diese Leute im Parlament sitzen, werden wir keine Sicherheit und keine Demokratie haben in Afghanistan.“ Joya hat einen klaren Standpunkt und viele Anhänger in der Bevölkerung. Doch auch Morddrohungen und Beleidigungen gehören inzwischen zu ihrem Alltag. Zum Schutz vor Angriffen trägt sie in der afghanischen Öffentlichkeit eine Burka. Doch ihre Todfeinde vermutet sie auch in den eigenen Reihen – im Parlament.

Im Gegensatz zur offiziellen politischen Linie, wie sie zuletzt der Außenminister bei einem Deutschlandbesuch bekräftigte, fordert Malalai Joya die vollständige Entmachtung und Entwaffnung der Nordallianz, den Abzug der internationalen Truppen und die Stärkung der unabhängigen demokratischen Bewegungen durch die internationale Gemeinschaft. Weil ihre Positionen in Afghanistan zwar populär, aber nicht erwünscht sind, hat Malalai Joya inzwischen ihr 2005 erlangtes Abgeordnetenmandat durch innerparlamentarischen Beschluss verloren. Bereits nach ihrer Rede im Jahr 2003 hieß es, sie werde keine zwei Monate überleben.

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