Afghanistan : „Sie wissen nicht, was die Truppen tun“

Afghanische Politiker bitten ihre deutschen Kollegen, die Bundeswehr im Land zu lassen.

Ulrike Scheffer

BerlinPolitische Gäste aus Kabul sind in Berlin derzeit gern gesehen. Vor der Entscheidung des Bundestages über die Verlängerung des Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr sollen sie deutschen Abgeordneten die Lage am Hindukusch schildern. Viele Politiker wissen nur wenig über das Leben in Afghanistan – und das erklärt aus Sicht vieler Afghanen, warum und wie sie über die Mandate für die internationale Schutztruppe Isaf, die Antiterroroperation „Enduring Freedom“ und den Einsatz deutscher Aufklärungsjets streiten. Die deutsche Debatte sei eher „philosophischer Natur“, sagte der afghanische Parlamentsabgeordnete Daud Sultanzoy im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Ein Krieg ist kein Picknick“, wird er deutlicher. Der Kampf gegen die Taliban sei ohne Alternative, wenn verhindert werden solle, dass diese ihren Einfluss wieder ausbreiten können. Wer Zivilisten schützen wolle, der müsse auch den Truppen helfen, Kenntnisse über potenzielle Angriffsziele zu erhalten. Und das leisteten die deutschen Tornados, ergänzt er mit Blick auf die Ablehnung des Tornadoeinsatzes bei vielen Grünen-Politikern. „Die internationale Militärpräsenz gibt uns Zeit, die Situation in den Provinzen zu verbessern“, ergänzt Sultanzoy. Trotz aller Rückschläge habe sich das Pro-Kopf-Einkommen der Afghanen mehr als verdreifacht. „Ohne Sicherheit ist alles nichts“, sagt auch der Vizebildungsminister Osman Babury. Gemeinsam mit Sultanzoy und vier anderen Afghanen war er in den vergangenen Tagen auf Einladung der Bundesrepublik in Berlin. Die Gruppe traf sich mit Vertretern der Bundestagsfraktionen, „um ihnen zu sagen, dass wir die Hilfe der internationalen Gemeinschaft dringend benötigen“, so Babury. Seiner Ansicht nach sollten künftig allerdings verstärkt die nationalen Sicherheitskräfte aufgebaut werden, also die afghanische Armee und Polizei. Auch Shukria Barakzai, Vorsitzende der Partei Der dritte Weg, warnte die Deutschen vor einer Verringerung ihres Afghanistanengagements. „Wenn sich der Westen, wenn sich Deutschland zurückzieht, dann kehren die alten Zeiten zurück“, sagt sie. Die 35-jährige Frau litt persönlich unter dem Taliban-Regime und hat an der afghanischen Verfassung mitgearbeitet. Diese garantiert Frauen freie Meinungsäußerung und den Zugang zur Politik. Dass die auf dem Papier verbrieften Rechte mit dem Leben der Frauen in den Provinzen bisher nur wenig gemein haben, entmutigt die junge Politikerin nicht. „Die patriarchalischen Strukturen lassen sich nur langsam verändern“, sagt sie. Gefahr für die junge Demokratie droht ihrer Einschätzung nach auch von ehemaligen Kriegsherren und Drogenbaronen, die an die Macht drängten. Viele säßen heute im Parlament. „Wer hier in Deutschland gegen den Einsatz in Afghanistan ist, der weiß nicht, was die Truppen in unserem Land tun.“

Erst am Freitag ist bei einem Selbstmordanschlag auf die Schutztruppe Isaf in Kabul ein französischer Soldat getötet worden. Bei dem Attentat, zu dem sich die radikalislamischen Taliban bekannten, wurden sechs Zivilisten verletzt.

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