Politik : Afghanistan: Taliban - zwischen Härte und Entgegenkommen

Elke Windisch

Wie groß die Chancen westlicher Diplomaten sind, von den afghanischen Taliban die Freilassung der Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Shelter Now International" zu erwirken, ist nicht klar. Die Taliban hatten den Unterhändlern ein Einreisevisum und einen Besuch der Gefangenen zugesagt. Bislang werden sie jedoch im pakistanischen Peschawar festgehalten und observiert.

Die insgesamt 24 Nothelfer - darunter vier Deutsche, zwei US-Bürger und zwei Australier - waren in der vergangenen Woche wegen des Vorwurfs der Missionierung von Muslimen zum Christentum festgenommen worden. Darauf steht in Afghanistan die Todesstrafe. Die wurde bei ähnlichen Fällen bisher jedoch nur an den konvertierten Muslimen selbst vollstreckt, nicht an den Missionaren. Den Ausländern drohen, wie Radio Scharia, der offizielle Sender der Taliban und deren Nachrichtenagentur meldeten, mindestens fünf Jahre Kerkerhaft.

Andere Quellen dagegen berichten, alle Geiseln sollen Mitte der Woche begnadigt und ausgewiesen werden. Für diese Version spricht zumindest teilweise eine von der russischen Nachrichtenagentur RIA nowosti verbreitete Meldung, wonach die Taliban am Sonnabend 65 afghanische Kinder freigelassen hätten, die den von "Shelter Now International" organisierten christlichen Religionsunterricht besucht hatten. Dafür sollen jedoch die Väter der Kinder festgenommen worden sein, die nach der Haft in ein islamisches Umerziehungslager kommen sollen, erklärte laut RIA ein Vertreter des Taliban-Ministeriums zur Förderung der Tugend und Verhütung von Sünden. Eben diese Strafe verbüßen gegenwärtig die 16 afghanischen Mitarbeiter der Hilfsorganisation, in deren Wohnungen die Taliban-Polizei Bibeln und christliche Literatur fand und beschlagnahmte.

Experten erklären die Widersprüche in den Nachrichtenmeldungen mit einem Machtkampf innerhalb der Talibanführung und Differenzen zwischen dem radikalen und dem gemäßigten Flügel der Bewegung. Zwar kontrollieren die Taliban inzwischen rund 90 Prozent des afghanischen Territoriums. Wegen der internationalen Ächtung des Regimes, das besonders nach den UN-Sanktionen vom letzten Dezember in die Enge getrieben ist, fordern Pragmatiker politische Korrekturen und eine Öffnung des Landes. Vor allem aber wegen der katastrophalen Wirtschaftslage und der sozialen Misere regt sich auch in Afghanistan selbst Widerstand gegen die Taliban.

Dabei geht es jedoch weniger um Lockerungen des puritanischen Moralkodex, der in weiten Teilen nicht von Koran und Scharia - der Sammlung islamischer Rechtsnormen - gedeckt ist. Gegen die Taliban, ehemalige Koran-Schüler, die die Interessen des Paschtunen-Stammes der Durrani vertreten, machen vor allem die Führer anderer Paschtunen-Stämme Front, die ihre wirtschaftlichen Interessen durch die Blockade und die von den Taliban willkürlich erhobenen Sonderabgaben gefährdet sehen.

Mit dem gemäßigten Flügel der Taliban verhandelt seit Februar - bislang allerdings ohne nennenswerte Ergebnisse - auch der ehemalige afghanische Premier Gulbuddin Hekmatyar, der seit Mitte der neunziger Jahre im iranischen Exil lebt. Die Taliban selbst, so Hekmatyar, hätten ihm für eine Übergangszeit bis zu künftigen freien Wahlen unter internationaler Aufsicht das Amt des Regierungschefs angetragen, falls er Talibanchef Mullah Muhammad Omar als Interimspräsidenten anerkenne.

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