Afghanistan : "Wir werden uns zur Wehr setzen"

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hat sich besorgt über die Sicherheitslage in Afghanistan gezeigt. Im Falle weiterer Anschläge kündigte er eine starke Gegenwehr der Bundeswehrsoldaten an.

Hamburg - "Die Entwicklung in Afghanistan bereitet mir größte Sorge", sagte Jung der "Bild am Sonntag". "In diesem Jahr haben wir bereits fast so viele Anschläge zu verzeichnen wie im gesamten letzten Jahr." In Afghanistan gebe es "eine neue terroristische Herausforderung". Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, forderte aus diesem Grund mehr zivile Hilfe. "Die Afghanen sind mit der Regierung von Präsident Hamid Karsai unzufrieden", sagte Gertz. Damit gewännen auch Terroristen an Unterstützung, die Anschläge auf Bundeswehrsoldaten verüben.

Wie Jung weiter sagte, versuchten Terroristen, den Wiederaufbauprozess im Lande zu stoppen. "Taliban, Al-Qaida-Terroristen und Drogenbarone arbeiten offensichtlich zusammen." Angesichts der neuen Sicherheitslage habe er angeordnet, "dass es grundsätzlich nur noch Transporte mit geschützten Fahrzeugen gibt". Trotz der Angriffe will Jung das Mandat der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) zum Wiederaufbau weiter vom OEF-Mandat zur Terrorbekämpfung in Afghanistan getrennt halten.

"Rund um die Uhr mögliches Ziel"

Für mögliche weitere Angriffe kündigte der Verteidigungsminister starke Gegenwehr der Bundeswehrsoldaten an: "Wenn es - wie beim Angriff am letzten Dienstag - stärkere Herausforderungen für uns gibt, dann werden wir uns klar zur Wehr setzen. Dann gibt es Feuergefechte."

Gertz sagte, der Norden Afghanistans sei "keine Insel der Seligen". Dort hatte die Bundeswehr Anfang Juni das Oberkommando über die Isaf-Truppen übernommen. "Die deutschen Soldaten müssen sich bewusst sein, dass sie rund um die Uhr mögliches Ziel von Terroristen sind." Als Grund für die wachsende Unterstützung von Extremisten nannte der Bundeswehr-Oberst, dass Präsident Karsai die Erwartungen seiner Landsleute bisher nicht erfüllt habe. "Die Lebensverhältnisse der Bevölkerung haben sich bisher nicht genügend verbessert."

Gertz forderte die internationale Gemeinschaft auf, verstärkt auf wirtschaftliche und entwicklungspolitische Programme für Afghanistan zu setzen. Die zivilmilitärischen Wiederaufbauteams (PRTs) in verschiedenen afghanischen Städten seien "der richtige Ansatz", sagte er. "Das Netz ist allerdings zu großmaschig." Zu wenige Afghanen würden die konkreten Fortschritte sehen, wenn die Bundeswehr beispielsweise in Kundus und Faisabad Straßen baue und die Wasserversorgung aufbaue. Priorität für die internationale Staatenwelt müsse zudem die Unterstützung der Regierung in Kabul beim Kampf gegen die Opium-Produktion haben, sagte Gertz.

Nach einem Bericht des "Spiegel" befürchtet die Bundeswehrspitze, dass deutsche Soldaten gezielt als Opfer von Anschlägen ausgesucht werden. Im bislang als friedlich eingestuften Raum Kundus im Norden Afghanistans gebe es eine neue Qualität der Gefährdung. Das alte Motto "Schwarz-Rot-Gold ist eine Schutzweste" von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan habe ausgedient, zitierte das Blatt einen hohen Offizier. Laut "Focus" nehmen Polizeichefs in den afghanischen Provinzen eine zunehmend gefährliche Lage bewusst in Kauf. Sie wollten so ihre Entmachtung verhindern. (tso/AFP)

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