Aktionsplan gegen Fettleibigkeit : Viel Kritik für "Fit statt Fett"

Verbraucherminister Horst Seehofer hat im Bundestag für mehr Bewegung und bessere Ernährung geworben. Von der Opposition kam scharfe Kritik. Die FDP warnte vor einer Stigmatisierung von Übergewichtigen.

Berlin - Der Aktionsplan der Bundesregierung für gesünderes Essen und mehr Bewegung stößt im Bundestag auf harsche Kritik der Opposition. Während die FDP am Donnerstag von einem "inhaltslosen Aktionsplan" sprach und die Linksfraktion auf mangelnde Kaufkraft größerer Bevölkerungsgruppen hinwies, forderten die Grünen ein Verbot der direkt auf Kinder ausgerichteten Lebensmittelwerbung im Fernsehen. Uneingeschränkte Zustimmung erhielten Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) lediglich für ihre Forderung, dem Schulsport einen höheren Stellenwert einzuräumen.

In Deutschland sind nach Regierungsangaben rund 37 Millionen Erwachsene sowie zwei Millionen Kinder und Jugendliche übergewichtig oder fettleibig. Daher will die Regierung mit dem Eckpunktepapier "Gesunde Ernährung und Bewegung" bis 2020 das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Deutschen verbessern, die Zunahme von Übergewicht bei Kindern stoppen und die Verbreitung von Übergewicht verringern.

Prävention im Kindesalter

Seehofer wies darauf hin, dass sich in den letzten 40 Jahren der durchschnittliche Kalorienverbrauch bei Männern um 40 Prozent und bei Frauen um 30 Prozent reduziert habe, ohne dass sich die Ernährungsgewohnheiten grundsätzlich geändert hätten. Schon im Kindesalter müsse Vorbeugung gegen Wohlstandskrankheiten im Mittelpunkt stehen, da sich die Zahl der übergewichtigen und fettleibigen Kinder in der Zeit von 1985 und 1999 verdoppelt habe.

Der FDP-Abgeordnete Hans-Michael Goldmann kritisierte, mit der Kampagne unter dem Motto "Fit statt fett" bestehe die Gefahr einer Stigmatisierung jener übergewichtigen Menschen, die nichts dafür könnten. "Da bewegen sie sich auf sehr dünnem Eis", warnte der FDP-Politiker den Verbraucherschutzminister.

Grüne fordern klare Kennzeichnungen

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast hielt ihrem Amtsvorgänger Seehofer einen "kleinen Hang zum Populismus" vor. Statt unverbindlicher Aufrufe sei eine klare und nachvollziehbare Kennzeichnung von Lebensmitteln nötig, sagte sie. Gerade kleine Kinder seien noch "keine mündigen und informierten Verbraucher" und bräuchten Schutz gegen die Werbewirtschaft. Künast forderte ein Verbot der speziell an Kinder gerichteten Werbung für Lebensmittel "vom Frühstücksfernsehen bis 21.00 Uhr".

Die Links-Abgeordnete Karin Binder kritisierte, "Abspeckappelle" und allgemeine Bewegungsaufrufe der Regierung reichten nicht aus. Nur eine einheitliche, gesetzliche Kennzeichnung von Lebensmitteln könne dafür sorgen, den Verbraucher "einfach, schnell und verlässlich über Qualität der Lebensmittel zu informieren".

Seehofer warnte vor einer überzogenen Kennzeichnung von Lebensmitteln. Man müsse aufpassen, dass es keinen "Lebensmittelbeibackzettel" gebe, der abschrecke statt zu informieren. "Ein roter Punkt kann sehr schnell dazu führen, dass "die Menschen die Finger von Lebensmitteln lassen, die in richtigem Maße sehr wohl notwendig sind."

Wissenschaftler: Aktion verdirbt Freude am Essen

Der wissenschaftliche Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften, Udo Pollmer, hat den Aktionsplan der Bundesregierung gegen Übergewicht scharf angegriffen. "Die Politik reagiert reflexartig auf alles, was Applaus verspricht", sagte Pollmer der "Passauer Neuen Presse". Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) und Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sollten sich stärker darum kümmern zu erforschen, "warum die bisherigen Maßnahmen gescheitert sind".

Bislang hätten "alle Maßnahmen durch Kalorienverminderung, egal ob durch fettarmes Essen, durch Diäten oder durch Angst vor dem Teller das Übergewicht verstärkt", sagte Pollmer. "Wenn uns die letzten 50 Jahre eines gelehrt haben, dann ist es die Tatsache, das Kaloriensparen dazu führt, dass sich der Körper mit Fett isoliert, um geringere Energieverluste zu haben." Jeder Versuch, Essverhalten "über den Verstand kontrollieren zu wollen", sei "langfristig zum Scheitern verurteilt". Den Befund, wonach die Deutschen die dicksten Europäer sind, nannte Pollmer "maßlos übertrieben". Den Menschen werde damit nur "Angst eingejagt und die Freude am Essen verdorben". (tso/dpa/ddp/AFP)

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