Politik : Alle sind Enkel

Willy Brandt wäre jetzt 90 – und ist mehr denn je Vorbild der SPD

Robert von Rimscha

Weißte noch? Weißte noch, wie der Willy Fresspakete an die Delegierten verteilt hat, als er um die Macht in Berlins SPD rang? Weißte noch, wie er sich später im Bundestagswahlkampf 1965 von einer Souffleuse stets die Vornamen der Genossen einflüstern ließ, damit er die dann herzlich umarmen konnte – und drei Wochen später fragt er die Souffleuse: Wer bist denn du?

Nostalgie waberte durch den fünften Stock der SPD-Parteizentrale, als dort am Mittwochabend der Ex-Vorsitzende und Ex-Kanzler gefeiert wurde. Am Donnerstag wäre Willy Brandt 90 geworden. Als schmales rotes Banner hing er im Foyer des nach ihm benannten Hauses, und drei Sozialdemokraten suchten sein Erbe.

Zunächst der Kanzler der Gegenwart. Ein gelöster Gerhard Schröder improvisierte Merksätze über richtige Politik. „Eine Partei, die Regierungsverantwortung trägt, muss Realitäten anerkennen. Aber eben nicht mit schlechtem Gewissen, nicht gezwungen, nicht leider.“ Dies habe er von Brandt gelernt. Dass man Widerspenstigkeit und Weltverbesserung integrieren könne – aber nicht in eine Opposition, sondern in eine Regierungspartei. Dass, und dies sagte Schröder mit einem Grinsen, Brandt um die Schwierigkeit gewusst habe, die SPD programmatisch zu erneuern. Einen Brief Brandts habe er entdeckt, so der Kanzler, aus dem Juli 1973, nach dem zweiten Wahlsieg, in dem Brandt vor „wirklichkeitsfremdem Maximalismus“ warnte – „das hat natürlich nichts mit heute zu tun“. Aber die Seinen müssten schon aufpassen, mahnt Schröder, dass sich nicht der Spruch beweise, wonach sich Geschichte nur als Farce wiederholt.

Des Kanzlers süffisante Lehrstunde streifte die Außenpolitik mehrfach. Dass Deutschland – nicht die SPD – eine Friedensmacht sein müsse, das habe er vom großen Vorgänger gelernt. Später saßen Egon Bahr und Heidemarie Wieczorek-Zeul auf roten Sofas neben der Brandt-Statue und probten ihre Einsichten. Da bekam Brandts Erbe einen Drall, den der Kanzler zuvor vermieden hatte. Brandt habe sich in globale Konflikte einfühlen können, habe „die Sprüche des einen oder anderen in den USA“ nie von sich geben können, meinte die Entwicklungsministerin. Beifall kam auf, und er kam erneut, als Bahr beschrieb, wie Brandt „gegen präventive Militärschläge“ gedacht habe, wie er Multipolarität suchte. „Wir machen den Krieg im Irak nicht mit – das ist Politik in der Nachfolge Willy Brandts“, rief sein engster Weggefährte. Der Friedenskanzler Brandt – heute die wichtigste Sinnstiftung, die Willys Erbe für die SPD bereithält.

Das andere, Brandt der Reformer, ist problematischer. „Gerd, Du hast’s schwerer als dein Vorgänger“, rief Bahr dem Bundeskanzler zu. Der nötige Mut zur Veränderung sei vergleichbar. Nur die Richtung der Reformen, die sei es eben längst nicht mehr.

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