Politik : Als sich der Volkszorn entlud - ein Rückblick

Ralf Hübner

IM "Torsten" fällt auch zehn Jahre später Reue schwer. Rechtsanwalt Wolfgang Schnur, der schillernde ehemalige Vorsitzende des Demokratischen Aufbruch, ist nach Leipzig zurückgekehrt. Anlässlich des zehnten Jahrestages der "friedlichen Revolution" sprach er in der "Runden Ecke", der ehemaligen Stasi-Zwingburg, auf einer Posiumsdiskussion.

Zehn Jahre zuvor war Schnur schon einmal dagewesen. Leipziger Bürger hatten in den Abendstunden des 4. Dezember 1989 die "Runde Ecke" besetzt. Schnur war damals aus Berlin angereist und gab Interviews. Mit ruhiger und gefasster Stimme hatte er verkündete, dass mit der Besetzung von Stasi-Zentralen die Initiative endgültig an die neuen politischen Kräfte in der DDR übergegangen sei. Damit hatte der falsche Mann Richtiges gesagt, denn Schnur entpuppte sich als Schnüffler, Schnur war IM "Torsten".

An jenem Montag im Dezember stürmten die DDR-Bürger die verhassten Stasi-Zentralen. In den Morgenstunden erhielt der damalige Erfurter Propst Heino Falcke einen aufgeregten Anruf. Aus dem Schornstein des Stasi-Gebäudes rauche es schwarz, hieß es. Das war verdächtig, denn es war bekannt, dass die Stasi mit Gas heizte, was in der damaligen Zeit als Privileg galt. "Wenn es schwarze rauchte, mussten die dort Akten verbrennen", erinnert sich Falcke. Er setzte sich in seinen "Wartburg", fuhr hin und versuchte die Einfahrt zu blockieren. Kurze Zeit später waren die Bürgerrechtler begleitet von zwei Staatsanwälten im Gebäude und stoppten die Aktenvernichtung.

Neben Erfurt wurden auch in Suhl, Leipzig und Rostock, in insgesamt 19 Städten der DDR die Stasi-Zentralen besetzt. Dresden folgte einen Tag später. In Berlin dauerte es noch bis zum 15. Januar, ehe auch dort die Lichter ausgingen.

Die Besetzung ihrer Gebäude traf die Stasi nicht unvorbereitet. Schon seit Ende Oktober hatte sie beobachtet, dass sich vor ihren Gebäuden der Volkszorn entlud. An der Leipziger "Runden Ecke" mussten sich die Posten Beschimpfungen gefallen lassen. Diese Situation hatte sich Anfang Dezember zugespitzt. Das MfS, in Amt für Nationale Sicherheit umbenannt, hatte auch im Oktober und November fleißig weitergespitzelt und begann Ende November mit der systematischen Aktenvernichtung. Am Morgen des 4. Dezember schließlich sicherte AfNS-Chef, Wolfgang Schwanitz, in Berlin Vertretern der Bürgerbewegung zu, die Aktenvernichtung werde gestoppt.

Erst die Drohung, den versammelten 150 000 Demonstranten auf dem Karl-Marx-Platz über den Verlauf des Gesprächs zu informieren, stimmte die Stasi-Leute weich. Die Bürgerrechtler und die Presse wurden eingelassen. Bis zum frühen Morgen wurden Diensträume und Aktenschränke versiegelt. Bürgerrechtler, die neue Macht, verhandelten mit Stasi-Leuten zäh die Übergabe aus. Der entlassene Leipziger MfS-Chef Manfred Hummitzsch zeigte sich überrascht. "Eine solche Wachsamkeit der Bürger hätte ich mir zu meiner aktiven Zeit gewünscht."

Die ruhige, gefaßte Stimme Schnurs während der Podiumsdiskussion ist geblieben. Selbstsicher, die Arme verschränkt, fühlt er sich noch immer als Opfer der Ereignisse. Stasi und Kirche hätten ihn missbraucht. Die Bürgerechtler von damals haben ihm nicht vergeben.

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