Politik : Alterspyramide: Zum Arbeiten zu alt, zum Sterben zu jung? (Leitartikel)

Stefan Reinecke

Wissen Sie, wie alt Tina Turner ist? Sechzig. Ein altehrwürdiges Alter, hätte man früher gesagt. Denn früher, zum Beispiel 1960, als Tina Turners Karriere begann, war noch klar festgelegt, dass sich junge Leute ganz anders benehmen, anders anziehen und andere Musik hören als ältere. Seitdem ist viel passiert. Nicht zuletzt die Popkultur hat die bürgerliche Gesellschaft entbürgerlicht.

Die Popkultur, die 68er-Revolte und der prosperierende Kapitalismus haben die Altersgrenzen durchlässig gemacht. Das Dasein als Konsument beginnt, wenn man in die Schule geht, jung sein kann man heute bis Mitte dreißig, Frührenter mit 55. Gleichzeitig haben die Popkultur und der dynamische Kapitalismus einen historisch vielleicht einmaligen Jugendkult durchgesetzt, der auch Schattenseiten hat. Wer alt ist, gilt als unnütz. Das Altehrwürdige hat ausgedient. Und gerade in den boomenden Wirtschaftsbranchen, im Computerbusiness und in den High-tech-Bereichen, sind Einsatzwille, Spontaneität, Flexibilität, Offenheit für Neues gefragt. Alles Eigenschaften, die eher jung als alt sind. Erfahrung hingegen, das Kapital der Alten, zählt nichts mehr, wenn sich die technologischen Entwicklungssprünge nicht mehr in Jahrzehnten, sondern in Monaten vollziehen.

Ästhetisch also mag das Phänomen sechzigjähriger Popstars recht bizarr sein. Man kann darin aber auch ein Zeichen erkennen: Die Gesellschaft braucht neue Rollenmodelle für die Alten. Denn wir werden, individuell, immer älter. Und die Gesellschaft altert noch schneller, weil die Deutschen - und nicht nur sie - immer weniger Kinder bekommen.

Ein paar Zahlen gefällig? 2050 werden hier zu Lande, ohne Einwanderung, rund 17 Millionen Menschen weniger leben, also die ganze DDR-Bevölkerung. Schon in 25 Jahren wird mehr als die Hälfte der Deutschen älter als 50 Jahre sein. Das Gleiche wird, wahrscheinlich, kurz zuvor in Italien geschehen - und ein paar Jahre später in China. Denn nicht nur die westlichen Metropolen werden altern, auch in den so genannten Schwellenländern, etwa dem Iran, kippt der Trend. Langsamer, aber stetig. Die Überbevölkerung, die mitunter apokalyptisch aufgeladene Zukunftsprognose der 70er und 80 Jahre, verblasst. An ihre Stelle wird die vergreisende Gesellschaft treten.

Was tun? Kinder und Inder, lautet eine Antwortformel. Das klingt flott, ist aber falsch. Natürlich sollte die Politik in Deutschland familien- und kinderfreundlicher werden - aber ob, wann und wieviel Kinder so mehr geboren werden, weiß niemand. Ähnliches gilt für die Migration. Deutschland braucht Einwanderer, aus vielen Gründen. Doch Einwanderung wird die Altersrevolution nur dämpfen, keinesfalls verhindern.

Die Gesellschaft wird älter. Das ist nicht zu ändern, denn es ist das Resultat des Fortschritts: von besserer Medizin, höherem Lebensstandard, mehr Freiheit. Die meisten Frauen wollen nicht mehr drei, vier, fünf Kinder. Dagegen zu moralisieren ist eher lästig als hilfreich. Aber was dann?

Bisher galt es als erstrebenswert, das Rentenalter so weit wie möglich nach unten zu drücken. Das war sozialpolitisch sinnvoll, weil so Stellen für Arbeitslose frei wurden. Das wird sich ändern. Arbeitslosigkeit wird aus demographischen Gründen abnehmen, gleichzeitig werden immer weniger Berufstätige für immer mehr Rentner sorgen müssen. Deshalb steigt das Rentenalter.

Aber das ist nur der Anfang, das schlicht Notwendige. Die Frage dahinter lautet: welche Jobs? Mit welchem Sozialprestige? Wenn die Gesellschaft darauf keine vernünftige Antwort findet, droht eine Schreckensvision. Die Wirtschaft braucht immer mehr Junge, die es immer weniger gibt - und die Alten werden immer mehr und immer schneller aussortiert und an den Rand gedrängt. Das wird vielleicht der neue Widerspruch: einerseits eine Ökonomie, in der Tempo und Jugend immer wichtiger werden, anderseits eine Gesellschaft, die zur Hälfte über fünfzig ist. Die neue politische Aufgabe wird dann lauten, die Marktwirtschaft so zu besänftigen, dass nicht die halbe Bevölkerung im Abseits landet. Einfach, weil sie alt ist.

1965 hat sich wohl niemand träumen lassen, dass im Jahr 2000 sechzigjährige Rockstars als ganz normal gelten werden. Auch das Alter ändert sich schneller als früher. In vierzig Jahren werden vielleicht 75-jährige Extremsportler und 80-jährige, die sich mit Bungee-jumping vergnügen, ziemlich alltäglich sein. Und wahrscheinlich noch ganz anderes, Verwegeneres, das wir noch nicht einmal ahnen können. Diese Alten werden wir selber sein.

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