Politik : Amerika ist überall

Von Christoph von Marschall

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Die ganze Welt fiebert mit. Was kann die Ausnahmestellung dieser Supermacht besser belegen? Natürlich, Hollywood und USPop sind schon lange globale Leitkultur. Jeder Reisende spürt, dass Amerika die größte Volkswirtschaft ist und viele Währungen vom Dollar abhängen. Nie zuvor gab es außerdem einen Staat, der in so vielen Ländern der Erde – 130 der insgesamt 192 – Truppen stationiert und dank seiner Stützpunkte und Flugzeugträger weltweit eingreifen kann. Heute aber laden sich die nüchternen Fakten auf. Milliarden Menschen rund um den Erdball nehmen Anteil, als ginge es um ihre nationale Schicksalswahl. Sie blicken auf den Zweikampf Bush-Kerry in dem Gefühl, dass der Ausgang ihr Leben beeinflussen kann, im Guten wie im Bösen.

Und die Deutschen zittern mit. Das liegt an den Emotionen, die George W. Bush auslöst. Er spaltet nicht nur die amerikanische Gesellschaft und hat doch gute Chancen, bestätigt zu werden, trotz Irakkrieg, Rekorddefizit und verlorener Jobs. Wie kann das sein, fragen viele Deutsche kopfschüttelnd. Gezielte Wahlfälschung in der ältesten Demokratie will ja keiner vermuten, und dass Millionen Amerikaner nicht wissen, was sie tun, auch nicht.

Das Bedrohungsgefühl, drei Jahre nach dem 11. September, ist für die Deutschen zu weit weg, um sie zu überzeugen. Hier zu Lande wäre der Ausgang klar. Drei Viertel sind laut Umfragen für Kerry, nur 14 Prozent für Bush. Langwierige juristische Auseinandersetzungen um Wahlzettel oder Zählweise wären hier nicht zu befürchten. Der Amtsinhaber gilt als der Unilateralist, der Verächter von UN, Klimaschutz, internationaler Strafgerichtsbarkeit – und als religiöser Fundamentalist. Kennt man ihn nicht aus der ersten Amtszeit? Was sich von Kerry nicht sagen lässt. Europa hat keine praktische Erfahrung mit ihm. Aber an ihn knüpfen sich die Hoffnungen auf ein anderes Amerika, das die Vereinten Nationen und die Verbündeten ernst nimmt: wie in den 60ern John F. Kennedy und in den 90ern Bill Clinton.

Und wenn die Deutschen bekommen, was sie sich wünschen? Ein Wechsel von Bush zu Kerry würde viel mehr atmosphärisch als sachlich verändern. An der verfahrenen Lage im Irak, am Schuldenberg kann auch ein Kerry auf die Schnelle nichts ändern. Die Kongressmehrheit wird wohl weiter republikanisch sein. Die ersten Monate nach Amtseinführung am 20. Januar müsste Kerry darauf verwenden, sein Team durch die Anhörungen zu bringen. Und dass die Anforderung an Verbündete nicht sinken, illustriert ein Gerücht dieser Tage, auch wenn es womöglich nur gut erfunden ist: Kanzler Schröder hat sich in Berlin mit Richard Holbrooke getroffen, eventuell bald Kerrys Außenminister. Als eine der ersten Gesten plane Kerry, Chirac und Schröder zu einem Versöhnungsgipfel nach Camp David einzuladen, um über die künftige Lastenteilung im Krieg gegen den Terror zu reden, auch im Irak. Der Kanzler sei erbleicht.

Zu Bush kann Schröder auch in dessen zweiter Amtszeit leichter Nein sagen. Überhaupt ist gar nicht sicher, dass die der ersten gleicht. Bis jetzt ging es um die Wiederwahl, künftig ist Bush frei. Auch frei, Fehler zuzugeben und zu korrigieren. So war es bei seinem Vorbild Ronald Reagan. In der ersten Amtszeit galt der als Kriegstreiber, rüstete auf, machte Rekordschulden, in der zweiten schloss er Abrüstungsverträge mit Moskau, leitete die Budgetsanierung ein. Er hinterließ ein starkes, dynamisches Amerika.

Von der wohl größten Hypothek der Amtszeit Bush können sich die Deutschen nur selbst befreien: von der Verengung des Amerikabildes auf einen ihnen unsympathischen Präsidenten und seinen falschen Krieg. Die Wahrnehmung muss sich wieder öffnen für Vielfalt und Widersprüche, die Amerika ausmachen, für die Einwanderung aus Lateinamerika, die Emanzipation schwarzer Mittelschichten, die Wirtschaftsdynamik, die wachsende Rolle der Religion. Die großen Triebkräfte dieser Weltmacht werden uns stärker beeinflussen als der Irak. Oder ein Präsident für vier Jahre.

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