• Angebliches Telefonat zwischen Papst und Kanzlerin: Franziskus, Merkel und das unfruchtbare Europa

Angebliches Telefonat zwischen Papst und Kanzlerin : Franziskus, Merkel und das unfruchtbare Europa

Der Papst soll einen fragenden Anruf von Angela Merkel erhalten haben, weil er Europa als unfruchtbare Oma bezeichnete.

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Angela Merkel und der Papst bei einem Besuch im Vatikan im Mai 2013.
Angela Merkel und der Papst bei einem Besuch im Vatikan im Mai 2013.Foto: Reuters

Von solchen Zeitungstexten in Italien lässt man normalerweise die Finger: Sie kommen als Interviews daher, enthalten viele Zitate – dann aber stellt sich heraus: ein Interview hat nicht stattgefunden; die Zitate stammen vom Hörensagen und sind künstlich montiert. Gut, im aktuellen Fall ist immerhin der Autor glaubwürdig, und der von ihm behauptete Anruf der Bundeskanzlerin beim Papst wurde bisher nicht dementiert.

Angela Merkel, so schreibt also Massimo Franco im „Corriere della Sera“, habe sich „leicht aufgebracht“ bei Franziskus erkundigt, ob er es wirklich so ernst meinte mit seiner Kritik an Europa. „Steril“ sei der Kontinent geworden, hatte dieser im November 2014 vor dem EU-Parlament geklagt, „müde, alt, eine Oma, nicht mehr fruchtbar, nicht mehr lebendig“.

Der Papst hatte in Straßburg zwar eher die geistige Fruchtbarkeit Europas im Blick; die kinderlose Merkel hingegen – so sieht sich Franziskus bei Franco zitiert –, interessierte sich für die leibliche Dimension: „Sie hat mich gefragt, ob ich wirklich denke, dass Europa keine Kinder mehr machen kann. Ich sagte ihr, natürlich könne Europa Kinder machen, viele sogar, weil es solide und tiefe Wurzeln hat. Weil es eine einzigartige Geschichte hat. Weil es eine fundamentale Rolle hatte und weiterhin haben kann: denken wir nur an die Kultur und die Traditionen, die es verkörpert. Und weil Europa selbst in den dunkelsten Momenten immer gezeigt hat, dass es unvermutete Ressourcen hat.“

Man sieht: In Franziskus’ (oder Francos) Antwort gehen geistige und leibliche Dimension durcheinander. In der Tat denkt der Papst immer eins ins andere. Und deshalb, „als ein Zeichen“, wie er einmal sagte, hat er als erstes europäisches Land auch das aufbrechende, junge Albanien besucht, nicht einen der alternden Großstaaten mit ihrer Geburtenrate knapp über Null.

Erst danach fuhr Franziskus nach Straßburg – und für den letzten Absatz seiner Rede dort bekommt er nun den Karlspreis verliehen. Dieser Absatz begann: „Liebe Europaparlamentarier, die Stunde ist gekommen, gemeinsam ein Europa zu bauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person.“ Das Aachener Preiskomitee wird am 6. Mai zur Verleihung in den Vatikan reisen und Franziskus „eine Europa-Rede voller Zuneigung“ halten. So hat Massimo Franco es gehört. Dann wird’s ja wohl stimmen.


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