Anschläge in Wolgograd : Russland: Angst vor Terrorangriffen wächst

Zwei verheerende Anschläge treffen Russland zu einem Zeitpunkt, in dem alle mit Vorbereitungen auf den wichtigsten Feiertag im Jahr befasst sind. Und auch auf die bevorstehenden Olympischen Winterspiele werfen die jüngsten Ereignisse einen dunklen Schatten.

von
Mitten in der Stadt. Bei einem Anschlag auf einen vollbesetzten Linienbus starben am Montag in Wolgograd erneut mehrere Menschen.
Mitten in der Stadt. Bei einem Anschlag auf einen vollbesetzten Linienbus starben am Montag in Wolgograd erneut mehrere Menschen.Foto: REUTERS

Mehr als 30 Tote und 68 Verletzte binnen zwei Tagen. Das ist die vorläufige Bilanz in Wolgograd. Dem Anschlag auf den Hauptbahnhof der südrussischen Stadt folgte Montag früh ein weiterer. Ein Selbstmordattentäter habe in einem voll besetzten Linienbus einen Sprengsatz gezündet, teilte die Ermittlungsbehörde in Moskau mit. Sie geht davon aus, dass es einen Zusammenhang zwischen beiden Anschlägen gibt. Die Bombe mit einer Sprengkraft von mindestens vier Kilogramm TNT sei mit Metallstücken gefüllt gewesen, hieß es. „Die Teile waren identisch mit dem Inhalt der Bombe am Sonntag im Bahnhof von Wolgograd“, sagte Wladimir Markin von der Ermittlungsbehörde. Die Terroristen hätten das frühere Stalingrad vermutlich gewählt, weil es ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt sei.

Die Anschläge treffen Russland zu einem Zeitpunkt, in dem alle mit Festvorbereitungen befasst sind. Neujahr ist noch immer der wichtigste Feiertag im Land, die Menschen haben zehn Tage am Stück frei. Auch die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte lasse dann nach, sagte ein Veteran der auf Terrorismusbekämpfung spezialisierten Sondereinheit Alfa dem Tagesspiegel. Dazu komme, dass Kreml und Geheimdienste offenbar der eigenen Propaganda erlagen, wonach der Terrorismus in Russland besiegt ist.

Anfang Februar beginnen die Olympischen Winterspiele

Tatsächlich kommen die neuerlichen Anschläge zur Unzeit: Anfang Februar beginnen in Sotschi die Olympischen Winterspiele. Zwar befand der Chef des Nationalen Olympischen Komitees, Alexander Schukow, die Sicherheitsmaßnahmen für ausreichend. Weitere seien nicht erforderlich, sagte er der Nachrichtenagentur RIA nowosti. Doch die Zweifel bleiben. Der Chef des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), Michael Vesper, betonte, er gehe weiter von sicheren Spielen in Sotschi aus. Auch Russlands Eiskunstlauf-Legende Jewgeni Pluschenko sagte, die Terroristen würden ihr Ziel nicht erreichen. „Wolgograd, wir sind mit dir“, sagte der Olympiasieger von 2006 dem Fernsehsender Rossija-24.

700 Kilometer sind es von Sotschi bis nach Wolgograd. Das klingt zunächst weit, doch erst am Freitag kam es auch in Pjatigorsk zu einem Anschlag, das nur 270 Kilometer nordöstlich von Sotschi liegt. Bei der Explosion einer Autobombe starben drei Menschen. Präsident Wladimir Putin sandte nun den Inlandsgeheimdienstchef Alexander Bortnikow in die Kaukasusregion. Er soll die Ermittlungen vor Ort koordinieren und vorantreiben. Bisher weiß man noch nichts über die Täter oder deren Motive.

Bei dem Anschlag auf den Bahnhof am Sonntag war zunächst von einer „Schwarzen Witwe“ aus dem Nordkaukasus die Rede. Das Staatsfernsehen zeigte am Abend sogar eine Reportage über den Polizisten, der die Terroristin angeblich zu stoppen versuchte und dafür mit dem eigenen Leben bezahlte. Doch schon kurz danach war alles ganz anders. Unter dringendem Tatverdacht steht nun „ein junger Mann mit slawischem Aussehen, der eventuell auf den Vornamen Pawel“ hört, wie der Sprecher der Ermittlungsbehörde bei der Staatsanwaltschaft Radio Echo Moskwy sagte. Doch es klingt alles sehr vage.

Viele Wolgograder meiden öffentliche Verkehrsmittel

Aus Angst vor weiteren Anschlägen verzichteten viele Wolgograder darauf, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Gouverneur Sergei Baschenew appellierte an die Wachsamkeit der Bürger und forderte die Verstärkung der regulären Polizei durch paramilitärische Formationen. Zuvor hatten Islamisten aus dem Konfliktgebiet Nordkaukasus zu Attentaten aufgerufen, um die Vorbereitungen der Winterspiele zu stören. Für sie ist die Kampfpause, zu der sie die Verluste während der Tschetschenienkriege zwangen, jetzt offenbar beendet.

Mehrere russische Abgeordnete forderten nun sogar, die Todesstrafe für Terroristen wieder einzuführen. Russland hatte die Todesstrafe 1997 per Moratorium ausgesetzt. Putin und Regierungschef Dmitri Medwedew bekräftigten, dass die Anschläge nicht ungesühnt bleiben dürften. Bei Anti-Terror-Einsätzen im Nordkaukasus töteten kremltreue Einheiten mindestens fünf Aufständische. Die Männer hätten sich an Anschlägen auf Regierungseinrichtungen beteiligt, sagte ein Armeesprecher. (mit dpa)

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

Autor

19 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben