Anschlag in Afghanistan : Unter Zeitdruck an den Hindukusch

Nur einen Tag nach dem Anschlag in Kabul müssen sich deutsche Personenschützer entscheiden, wer die Arbeit der in Afghanistan getöteten Kollegen weiterführen soll. Die deutsche Botschaft braucht Schutz, die Zeit drängt. Um zwölf Uhr lief die Frist ab.

Sophie Guggenberger

BerlinEine schwere Entscheidung stand für deutsche Sicherheitskräfte heute an. Die deutsche Botschaft und der Botschafter in Kabul brauchen neues Schutzpersonal. Wer meldet sich freiwillig? Bis 12 Uhr heute Mittag mussten sich Personenschützer entscheiden, die zum Teil sogar mit den Opfern des gestrigen Bombenanschlags in Kabul gut befreundet waren. Wollen sie dorthin ausrücken, wo ihre Kameraden gerade eben bei einem Anschlag getötet wurden? In eine Gegend, die den meisten Personenschützern bestens bekannt ist. Den Weg zum Schießtraining waren sie selbst bereits dutzende Male gefahren. Bislang war nichts passiert. Bis gestern.

Wer kümmert sich derzeit um die Betreuung der deutschen Polizisten, denen jetzt ein ähnliches Schicksal droht? Psychologische Betreuung kommt den jungen Beamten jedenfalls keine zu. Ratschläge wie "Wo der Blitz einmal eingeschlagen ist, schlägt er sicher so schnell kein zweites Mal ein", helfen den betroffenen Personenschützern in einer solchen Lage ganz gewiss nicht weiter. Aber so wurde versucht, ihnen Mut zuzusprechen.

Viele der Polizisten, die nun möglicherweise nach Kabul reisen sollen, befinden sich noch in einem Schockzustand. Die Stimmung unter den deutschen Polizisten ist gedämpft. Am gestrigen Abend saßen einige betroffene Personenschützer bis spät in die Nacht hinein zusammen. Sie tauschten Geschichten aus über ihre drei ermordeten Kameraden. Sollen sie vielleicht nicht jetzt erst recht nach Kabul gehen? Die Flagge hochhalten für ihre ermordeten Kollegen?

Besonders für die jungen Familienväter unter den Personenschützern ist das eine der schwierigsten Entscheidungen, die in ihrem Beruf zu treffen ist. Die deutschen Sicherheitskräfte sind innerlich zerrissen. Gewiss haben sie im Berufsalltag gelernt, den Verdrängungsmechanismus nach dem ersten Schockzustand schnellstens greifen zu lassen. Von den Taliban einschüchtern lassen werden sie sich gerade jetzt sicher nicht, sagen sie.

Trauerfeier am Samstag in Berlin

Für die drei ermordeten deutschen Polizisten wird es am Samstag eine Trauerfeier in Berlin geben. Daran wird auch Bundesinnenminister Schäuble teilnehmen. Unter den Toten ist ein langjähriger Personenschützer von Bundeskanzlerin Merkel. Ein entsprechender Bericht der "Bild"-Zeitung wurde von Sicherheitskreisen inzwischen bestätigt. (mit dpa)

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