Anschlagsdrohungen : Experten: Keine akute Gefahr nach neuen Terrorvideos

Die islamistische Terrorszene steigert ihre Versuche, Deutschland Angst einzujagen. Sicherheitsexperten sprechen von psychologischer Kriegführung, sehen aber weiterhin keine akute Gefahr eines Anschlags in der Bundesrepublik. Am Sonntag tauchte ein weiteres Video auf.

Frank Jansen

Berlin - Die islamistische Terrorszene steigert ihre Versuche, Deutschland Angst einzujagen. Sicherheitsexperten sprechen von psychologischer Kriegführung, sehen aber weiterhin keine akute Gefahr eines Anschlags in der Bundesrepublik. Mit den Drohvideos des aus Bonn stammenden Bekkay Harrach – am Sonntag tauchte ein weiteres auf – setze Al Qaida auf eine Wiederholung des Spanien-Effekts, heißt es.

Kurz nach den Anschlägen von Madrid im März 2004 hatten in Spanien die oppositionellen Sozialisten, die den Irakkrieg ablehnten, die Wahl gewonnen. Die neue Regierung unter Zapatero leitete, wie im Wahlkampf versprochen, den Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak ein. Die Terrorszene spricht bis heute von einem großen Sieg.

Einen vergleichbaren Effekt, den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan, erhoffen sich Al Qaida und die Taliban jetzt von den Drohungen gegen Deutschland. Das gilt aber auch für die mit ihnen verbündeten usbekischen Terrororganisationen Islamische Bewegung Usbekistans (IBU) und Islamic Jihad Union (IJU), von der die Sauerlandgruppe zum Anschlag nach Deutschland beordert wurde.

Die militanten Usbeken operieren von der an Afghanistan grenzenden pakistanischen Region Wasiristan aus. Für IBU und IJU ist die Bundesrepublik aus zwei Gründen ein Feind: Die Präsenz der Bundeswehr in Afghanistan behindert nicht nur die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan, die deutschen Soldaten versperren den usbekischen Islamisten auch die Route zwischen Wasiristan und ihrem Heimatland im Norden. Außerdem wird Deutschland vorgeworfen, es unterstütze das brutale Regime des usbekischen Diktators Karimow, weil die Bundeswehr auf ihre usbekische Basis Termez angewiesen ist.

In der Bewertung der Gefahr unterscheiden Sicherheitsexperten grob drei Szenarien. Am wahrscheinlichsten gilt ein Angriff auf die deutschen Soldaten in Afghanistan. Taliban und Al Qaida sind stark und präsent genug, einen verheerenden Anschlag vorzubereiten. Szenario zwei geht von Attentaten auf deutsche Touristen, Geschäftsleute oder Diplomaten weltweit aus. Eine besondere Gefahr sehen Sicherheitskreise in islamischen Ländern, besonders in Nordafrika und im Jemen. Szenario drei wäre ein Anschlag in Deutschland selbst. Sicherheitsexperten sprechen allerdings von einer nicht ganz so großen Gefahr.

Das Bundeskriminalamt bestätigte die Echtheit des am Sonntag aufgetauchten Harrach-Videos. Es richte sich an Deutschland, enthalte aber keine konkrete Anschlagsdrohung, sagte eine Sprecherin. Eine Passage des Videos gibt Rätsel auf. „Die Stadt Kiel bleibt unabhängig davon, wie lange der Konflikt in Deutschland dauert, eine sichere Stadt. Dafür stehe ich mit meinem Namen“, sagt Harrach. Der Terrorexperte Berndt-Georg Thamm sagt, „es geht darum, Verunsicherung zu schaffen“ – „jeder rätselt jetzt, was das mit Kiel soll.“ mit AFP

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