Politik : Ansichten aus Lugau

Matthias Meisner

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Die Menschen im Erzgebirge sind ein liebenswertes Völkchen, das hat Angela Merkel erst kürzlich wieder zu spüren bekommen. Als sie vor ein paar Tagen die ehemaligen Hochwasserregionen in dem Mittelgebirge besuchte, geriet die CDU-Chefin richtig ins Schwärmen. „Fahrt hierher, macht hier Urlaub, kurbelt die Wirtschaft an“, sagte sie den Leuten. Und verkniff sich auch nicht einen Seitenhieb auf Heimaturlauber Gerhard Schröder: „Hier ist es so schön – man muss nicht in Hannover bleiben.“

Lugau am Fuße des Erzgebirges hat die CDU-Vorsitzende im Verlauf ihrer Tour nicht angesteuert. Doch von einem Busunternehmen aus diesem sächsischen Städtchen flatterte dieser Tage eine Wurfsendung in viele Berliner Briefkästen – mit einer Einladung zu einer „schönen Bus- und Schiffahrt nach Stettin – in eine der schönsten Regionen Deutschlands“. Stettin, ist das nicht in Polen? Wir haben bei dem Veranstalter der Kaffeefahrt angerufen, und auf die Frage, wo Stettin liege, die lakonische Auskunft erhalten, das sei doch wohl „Ansichtssache“. Im übrigen möge man sich anmelden oder auch nicht, sagte der Mann, und ihm nicht weiter die Zeit stehlen.

Nun wollen die Leute im Erzgebirge um keinen Preis als provinziell gelten. Peinlich genau achten sie darauf, dass man sie als Erzgebirger und nicht etwa als Erzgebirgler bezeichnet. Damit das so bleibt, sollte man dem Busunternehmer, der seine Gäste mit Gratisgaben wie einem Barbecue-Grill und einer wunderschönen Wetterstation beglücken will, rasch Nachhilfe geben. Frau Merkel, wo ist ihr DDR-Schulatlas, in dem Stettin noch auf gut polnisch als Szczecin zu finden sein müsste?

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