• Antisemitismus in Deutschland und Europa: Die Ohrfeige - eine Antwort auf Harald Martenstein

Antisemitismus in Deutschland und Europa : Die Ohrfeige - eine Antwort auf Harald Martenstein

Antisemitismus in Deutschland und Europa: Eine Antwort auf Harald Martenstein und dessen Beitrag "Eine Ohrfeige vom Zentralrat".

Alan Posener
Dieter Graumann, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Interview über Antisemitismus.
Dieter Graumann, Vorsitzender im Zentralrat der Juden in Deutschland, nannte im Interview mit dem britischen "Guardian" unsere...Foto: Thilo Rückeis

Der folgende Beitrag von Alan Posener erschien auf der Website starke-meinungen.de. Wir danken für die Erlaubnis, den Text auch bei Tagesspiegel.de zu veröffentlichen und freuen uns über die Debatte. Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen, liebe Leser!

Mein Kollege und Freund Harald Martenstein fühlt sich vom Zentralrat der Juden geohrfeigt. Angeblich habe dessen Vorsitzender Dieter Graumann der britischen Zeitung „The Guardian“ ein Interview gegeben, in dem er „über das heutige Deutschland“ gesagt habe, das sei „die schlimmste Zeit seit der Nazi-Ära“.

Dieser Satz sei „absurd“, so Martenstein, ja geradezu „maßlos“, eine „Ohrfeige“ für alle Leute, die – wie Martenstein, der meiner Alterskohorte angehört, also der Generation der Spät-68er – „jahrzehntelang nicht ohne Erfolg daran gearbeitet haben, dieses Land zu verändern.“

Hier ist Martensteins Kolumne im Wortlaut:

http://www.tagesspiegel.de/meinung/antisemitismus-in-deutschland-eine-ohrfeige-vom-zentralrat/10312454.html

Nun sollte man, bevor man zu gewalttätigen Vokabeln wie „Ohrfeige“ greift, vielleicht ein wenig Quellenstudium betreiben. Hier ist der Artikel aus dem „Guardian“, und es fällt sofort auf, dass es um den Anstieg des Antisemitismus in ganz West-Europa geht:

http://www.theguardian.com/society/2014/aug/07/antisemitism-rise-europe-worst-since-nazis

Die von „The Guardian“ – einer keineswegs unkritischen Zeitung, wenn es um Israel geht – zusammengetragenen Beispiele sind in der Tat erschreckend. Nur in diesem Zusammenhang sind Graumanns Worte verständlich. Er sagt ausdrücklich: „And it’s not just a German phenomenon.“

Dabei schreibt die Zeitung erst gar nicht über die Situation in Ost- und Südosteuropa: Nichts über Ungarn, wo die nach eigener Darstellung „christliche und patriotische“, antizionistische, pro-russische und islamfreundliche Jobbik-Partei antisemitische Parolen verkündet, nichts über die national-katholische Hetze gegen Juden in Polen, nichts über die „Goldene Morgenröte“ in Griechenland, schon gar nichts über die antisemitische Hetze von Wladimir Schirinowski in Russland usw. usf.

Der osteuropäische Antisemitismus ist Westeuropäern peinlich, weil er nicht auf muslimische Einwanderer geschoben werden kann; weil er die Erzählung stört, die auch Martenstein referiert: Die Gesellschaft sei – dank 68 – gründlich entnazifiziert worden, und wenn „Juden bedroht werden“, dann in den meisten (wenn nicht in allen) Fällen „von Zuwanderern aus arabischen Staaten.“

Dagegen hat – ausgerechnet! – Jakob Augstein kürzlich im „Spiegel“ (31/2014) angesichts der neuen Hasswelle gegen Juden festgestellt: „Weder die ‚Aufarbeitung’ der Nazi-Vergangenheit im Westen noch die Tradition des ‚Antifaschismus’ im Osten haben Deutschland immun gemacht gegen den Antisemitismus.“ Richtig.

Hinzufügen muss man freilich, dass der verordnete Antifaschismus im Osten einherging mit einem militanten Antizionismus, der in vielen osteuropäischen Staaten – etwa in Russland, Polen und Ungarn – offen antisemitische Züge trug, so dass der heutige Antisemitismus nicht trotz, sondern – auch – wegen jener Tradition so stark ist; und das die „Aufarbeitung“ der Nazi-Vergangenheit im Westen vor allem unter Ägide einer Linken geschah, die 68ff. ebenfalls antizionistisch und in Teilen  antisemitisch war.

Man denke an den ersten linken Terroranschlag in Deutschland, der sich nicht zufällig gegen eine Gedenkveranstaltung für die Reichskristallnacht im Jüdischen Gemeindehaus West-Berlin richtete. (Der Hauptverantwortliche, Dieter Kunzelmann, galt und gilt trotzdem in der Linken als  „Polit-Clown“.) Man denke auch an den Brandanschlag auf das Jüdische Altersheim in München, der ziemlich sicher von Linksextremisten verübt wurde, und der von eben jenem „Politclown“, einem der Hauptverdächtigen, als „zionistisches Massaker“ bezeichnet wurde.

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