Antisemitismus : Mit Kippa - oder besser ohne

Wie Frankreich nach dem Anschlag auf einen jüdischen Lehrer in Marseille über das Tragen der Kippa und die Terrorgefahr debattiert.

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Wer eine Kippa trägt, gibt sich als Jude zu erkennen.
Wer eine Kippa trägt, gibt sich als Jude zu erkennen.Foto: Jean-Paul Pelissier/Reuters

Benjamin Amsellem hatte Glück. Die Machete war stumpf. Und er hatte ein Gebetbuch dabei, das er schützend vor Gesicht und Hals halten konnte. Anderenfalls hätte der jüdische Lehrer den Angriff eines 15-Jährigen Türken kurdischer Herkunft womöglich nicht überlebt. Mitten im südfranzösischen Marseille war Amsellem vor wenigen Tagen auf offener Straße attackiert worden. Bei seiner Festnahme erklärte der Jugendliche, im Namen Allahs gehandelt zu haben und berief sich auf den „Islamischen Staat“.

Laut dem Opfer spiegelte sich in den Augen des Angreifers blanker Hass – antisemitisch motivierter Hass. Denn der 35-jährige Amsellem war durch seine Kippa als Jude zu erkennen. Nun debattiert Frankreich so engagiert wie emotional über eine Frage, die auch in Deutschland schon häufig gestellt wurde: Sollte man auf das Tragen einer Kippa in der Öffentlichkeit besser verzichten, um sich selbst zu schützen?

Angestoßen wurde diese Diskussion vom Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Marseille. Zvi Amar hatte gleich nach dem Anschlag auf den Lehrer dazu geraten, auf die Kopfbedeckung vorerst zu verzichten – bis „bessere Zeiten kommen“. Und er betonte: „Sobald wir als Juden identifiziert werden, können wir angegriffen werden und riskieren sogar unser Leben.“

"Fasst meine Kippa nicht an"

Die Warnung kommt nicht von ungefähr. Viele der 500.000 in Frankreich lebenden Juden fühlen sich seit Langem durch einen mörderischen Antisemitismus bedroht. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Übergriffen. Und Menschen werden ermordet. Als der islamistische Terrorist Amedy Coulibaly vor einem Jahr einen koscheren Supermarkt in Paris überfiel, kamen vier Juden ums Leben. Aber das war nur der wohl aufsehenserregendste Fall der vergangenen Jahre. Es gab viele andere antisemitische Attackenoft verübt von Muslimen.

Sollen sich Frankreichs Juden also künftig verstecken? Die Kippa zum Beispiel mit einer Baseballkappe bedecken oder sie am besten gleich zu Hause lassen? Dürfen nun Extremisten entscheiden, ob man sich offen zu seinem Glauben bekennt? Auf gar keinen Fall, heißt es fast unisono bei Politikern und Vertretern der jüdischen Gemeinschaft.

Von einer nicht hinnehmbaren Haltung des Verzichts ist die Rede. Davon, dass man doch nicht einfach klein beigeben dürfe. Denn dies käme einer Selbstaufgabe gleich. „Fasst meine Kippa nicht an“, lautet deshalb die Parole. Doch es geht eben auch um Vorsicht. Um Sicherheit. Um Angst. Und um gefühlte wie tatsächliche Bedrohung.

Benjamin Amsellem, der die Macheten-Attacke leicht verletzt überlebte, ist jedenfalls eingeschüchtert. Einen Tag nach dem Angriff zeigte er sich wieder in der Öffentlichkeit. Auf dem Kopf hatte er statt der Kippa eine dunkle Basecap.