Antisemitismus : Polnische Ängste

Der US-Historiker Gross löst mit seinem neuen Buch eine Debatte über den Antisemitismus im Land aus.

Knut Krohn[Warschau]

Die Kirche beweist in einer schwierigen Situation echte Größe. Ausgerechnet, möchte man hinzufügen, denn sie sitzt mit auf der Anklagebank. „Bücher sind dazu da, sie zu lesen und über sie zu diskutieren. Es geht um unser kollektives Bewusstsein, das wir gestalten, indem wir die Wahrheit kennenlernen“, sagt Polens Erzbischof von Lublin, Josef Zycinski, und kritisiert die drohende Klage gegen Jan Gross, den Autor des Buches „Angst“. Der schildert in seinem in Polen neu auf den Mark gekommenen Werk die antisemitischen Ausschreitungen im Polen der vierziger Jahre. Die Staatsanwaltschaft in Krakau prüft nun, ob das Volk darin verleumdet werde.

Bei Intellektuellen aber hat der US-Historiker mit seinem Essay, das bereits 2006 in den USA publiziert wurde, eine heftige Diskussion ausgelöst. Gross stellt das Pogrom vom 4. Juli 1946 im zentralpolnischen Kielce, bei dem 40 Juden ermordet wurden, in den Mittelpunkt seines Buches. Vor allem prangert er auch das Verhalten der katholischen Kirche an und gibt dem Klerus eine Mitschuld am Antisemitismus der Nachkriegsjahre.

Bis zu 200 000 polnische Juden hätten das Land bis 1950 wegen antisemitischer Hetzkampagnen und Gewaltakte verlassen. Den Grund für den Antisemitismus sieht Gross in einer doppelten Angst der Polen: davor, für den Holocaust mitverantwortlich gemacht zu werden, und vor dem Verlust des Eigentums, das sie von deportierten Juden übernommen hatten. Gross hatte bereits mit seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch „Nachbarn“ eine Debatte ausgelöst. Es handelte von dem 1941 begangenen Massenmord an Juden im nordostpolnischen Jedwabne.

Polens national-konservativen Kreise aber waren auf die Veröffentlichung des neuen Buches vorbereitet. Das staatliche Institut des Nationalen Gedenkens druckte eine Gegenpublikation. Sie führt für die Ermordung der Juden in Kielce politische Motive an, keine ethnisch-rassistischen. Zugleich wird auf methodische Schwächen des Buches hingewiesen. Gross argumentiere plakativ und frage nicht nach den Hintergründen der Gewaltexzesse. Liberale Kommentatoren räumen aber ein, dass der US-Autor eines der schwierigsten Kapitel der polnischen Geschichte anspricht. Noch immer nicht sei die Rolle Polens während der nationalsozialistischen Okkupation aufgearbeitet. Trotz zahlreicher Studien bestreiten konservative Politiker oft, dass es auch in Polen Antisemitismus gegeben habe. Dabei kam es schon in den dreißiger Jahren zu Ausschreitungen und Boykottdrohungen gegen jüdische Geschäfte. 1938 beschloss das Parlament, jüdische Schulen nicht länger zu unterstützen.

Diese „Leugnung“ des Antisemitismus in Polen versucht der jüdische Publizist Czeslaw Bielecki mit einer Art Opferkonkurrenz zu beschreiben. „Nur ungern nehmen es Polen zur Kenntnis, dass es keine Symmetrie gibt zwischen dem Holocaust und den schlimmsten stalinistischen oder nationalsozialistischen Verfolgungen, die sie erlebt haben“, schreibt er. Szewach Weiss, aus Polen stammender, ehemaliger israelischer Parlamentspräsident, fordert, dass sich Polen seiner Vergangenheit stellen müsse. „Ich hoffe, dass Bücher wie ,Angst’ von Jan Tomasz Gross eine Art Katharsis auslösen werden“, sagt er.

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