Politik : Antwort aus Damaskus

USA prüfen Militäroptionen für Syrien – Assads Regime kommt überraschend UN-Inspekteuren entgegen.

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Protest: Der mutmaßliche Einsatz von Chemiewaffen in Syrien könnte der Punkt in diesem Konflikt sein, an dem sich die Weltgemeinschaft zum Handeln genötigt fühlt. Wie hier in Paris gab es in vielen Städten Proteste. Foto: Patrick Kovarik/AFP
Protest: Der mutmaßliche Einsatz von Chemiewaffen in Syrien könnte der Punkt in diesem Konflikt sein, an dem sich die...Foto: AFP

Barack Obama steht im Wort. Nach dem mörderischen Giftgaseinsatz bei Damaskus geraten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in Europa unter wachsenden Druck, erstmals mit Waffengewalt in den Syrienkrieg einzugreifen. Pentagonchef Chuck Hagel erklärte am Sonntag, man habe auf Anordnung des Präsidenten verschiedene militärische Optionen vorbereitet und stehe bereit, sie umzusetzen. US-Präsident Obama schloss aber nach einem Treffen mit seinem Sicherheitskabinett aus, dass die US-Armee im Alleingang handeln werde.

Die USA hatten zuvor vier Zerstörer vor die Küste Syriens verlegt, die Cruise Missiles an Bord haben. In Jordanien wurden zusätzliche F-16-Jäger und Patriot- Abwehrraketen stationiert sowie eine 150-köpfige, spezielle Eingreiftruppe gegen Chemiewaffen.

Frankreichs Präsident François Hollande unterstrich, alle Befunde deuteten darauf hin, dass das Assad-Regime „für diese ungeheuerliche Tat“ verantwortlich sei und dass dies eine „glaubwürdige internationale Reaktion“ erforderlich mache. Ähnlich äußerte sich auch der britische Regierungschef David Cameron, der am Wochenende mit Obama telefonierte. Arabische Liga und Golfstaaten dagegen hielten sich bisher auffällig bedeckt.

Die westliche Empörung zeigte am Sonntag erstmals in den Reihen des Assad-Regimes Wirkung. Überraschend erklärte sich Damaskus nach tagelangem Zögern bereit, die vor einer Woche eingereisten 20 UN-Giftgasexperten in dem verseuchten Gebiet Proben nehmen zu lassen, um die Verantwortlichen zu ermitteln. Die entsprechende Vereinbarung zwischen der Regierung in Damaskus und den Vereinten Nationen trete sofort in Kraft, hieß es in einer Erklärung des Außenministeriums. Auch die Rebellen kündigten an, sie würden die Sicherheit der Experten garantieren und die Kämpfe für die Zeit der Untersuchung einstellen.

Tags zuvor hatte Irans Außenminister Mohammad Javad Zarif angekündigt, sein syrischer Amtskollege Walid al Muallem stimme einer Überprüfung zu. Parallel dazu zeigte das Staatsfernsehen am Wochenende Bilder von dubiosen Kanistern und nagelneuen Gasmasken, die angeblich aus einem von Rebellen zurückeroberten Tunnel stammen. Mehrere Soldaten hätten bei ihrem Vormarsch Erstickungsanfälle erlitten. Das syrische Regime sowie seine Verbündeten Iran und Russland warnten den Westen mit scharfen Worten vor einer Militäraktion. Syriens Informationsminister Omran al Zoubi erklärte, dies würde nur noch mehr Gewalt in der Region auslösen. Ein Angriff auf Syrien werde kein Spaziergang, sagte er. „Die Hauptwirkung wird sein, dass der Feuerball nicht nur Syrien, sondern den gesamten Nahen Osten verschlingt.“ Der Kreml nannte einen möglichen Angriff des Westens „unakzeptabel“, der Iran drohte mit „harten Konsequenzen“. Ein russischer Abgeordneter zog Parallelen zwischen dem Einmarsch von George W. Bush im Irak 2003 und der heutigen Lage in Syrien und bezeichnete Obama als „einen Klon von Bush“. Die radikale Al-Nusra-Front, die zu Al Qaida gehört, kündigte an, für die Giftgastoten werde man an alawitischen Dörfern Rache nehmen.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) hatte am Samstag berichtet, in drei von ihnen unterstützten Krankenhäusern im Großraum Damaskus seien am vergangenen Mittwoch etwa 3600 Opfer mit „neurotoxischen Symptomen“ behandelt worden, von denen 355 gestorben seien. Einige der Ärzte und Schwestern entwickelten dabei die gleichen schweren Symptome, ein Mediziner starb – ebenfalls ein typisches Indiz für den Einsatz von Giftgas. Innerhalb von drei Stunden nach einer Offensive von Regierungstruppen seien die 3600 Patienten eingeliefert worden, mit Atemproblemen, Schaum vor dem Mund, verengten Pupillen, Sehstörungen und schweren Krämpfen. Man könne jedoch weder die Ursache der Symptome eindeutig wissenschaftlich ermitteln noch feststellen, wer für den Angriff verantwortlich sei, erklärte der MSF-Organisator in Syrien, Bart Janssens. Dazu müssten Haar- und Blutproben der Opfer untersucht werden. Alles jedoch deute darauf hin, dass es sich um eine „Massenvergiftung mit einer neurotoxischen Substanz“ handele. Die in London ansässige „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ erklärte, nach ihren Informationen seien 322 Menschen gestorben, darunter 54 Kinder.

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