Politik : Arbeitslosigkeit: DGB fordert Vier-Tage-Woche für alle

Carsten Germis

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat zur Schaffung neuer Arbeitsplätze neben dem Überstundenabbau nun auch kürzere Wochenarbeitszeiten für alle ins Gespräch gebracht. "Die Vier-Tage-Woche ist kein Tabu, da darf es kein Denkverbot geben", sagte der Leiter der Abteilung Tarifpolitik beim DGB, Reinhard Dombre. Die Wirtschaft warnte dagegen vor weiteren Arbeitszeitverkürzungen. Der Vize-Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Henkel sprach von einer "absurden Diskussion" und sagte dem Tagesspiegel: "Die Länder in denen am längsten gearbeitet wird, haben die meisten neuen Arbeitsplätze geschaffen."

Dombre wies in der "Bild"-Zeitung darauf hin, dass das Modell der Vier-Tage-Woche beim Volkswagen-Konzern 1994 zwischen 20 000 und 30 000 neue Jobs geschaffen habe. Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di unterstütze des Vorstoß. "Wir müssen alle Formen der Arbeitszeitverkürzung nutzen, um die Arbeit neu zu verteilen und die hohe Sockelarbeitslosigkeit zu reduzieren", sagte eine ver.di-Sprecherin. Es gab aber auch aus den Gewerkschaften skeptische Stimmen zu Dombres Vorstoß. IG-Metall-Vize Jürgen Peters sagte dem Tagesspiegel, die Vier-Tage-Woche sei "nicht unmittelbar akut".

Eine IG-Metall-Sprecherin erklärte, im Moment treibe ihre Gewerkschaft die Frage des Überstundenabbaus mehr um. Auch Dombre begrüßte den Vorstoß von SPD-Fraktionschef Peter Struck, Überstunden notfalls per Gesetz zu begrenzen. Struck habe damit "völlig Recht", sagte er. Wenn es den Tarifparteien nicht gelinge, das Problem zu lösen, müsse der Gesetzgeber aktiv werden. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Wilhelm Schmidt, relativierte die Drohung mit einem Überstundengesetz am Dienstag. Dem Südwestfunk sagte er, Struck habe lediglich klargestellt, dass ein Gesetz gegen Überstunden die letzte aller Möglichkeiten sei. Der Fraktionsvorsitzende habe nicht gemeint, dass es derzeit Interesse an einem solchen Gesetz gebe. Struck hatte mit seinem Vorstoß ein Tabuthema angesprochen, das Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) aus den Gesprächen des Bündnisses für Arbeit bislang bewusst ausgeklammert hat. Die Gewerkschaften betrachten den Überstundenabbau als eine nicht eingelöste Bringschuld der Arbeitgeber im Rahmen der Bündnisverabredungen.

Der Konjunkturexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Gustav Horn, warnte davor, die Überstundenzahl eins zu eins in neue Arbeitsplätze umzurechnen. In spezialisierten Bereichen, in denen viele Überstunden anfallen, gebe es bereits heute zu wenig Fachpersonal. Nur durch einen langanhaltenden Wirtschaftsaufschwung von rund drei Prozent würden neue Stellen geschaffen, sagte Horn. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hansjürgen Doss wies darauf hin, dass Deutschland heute bereits die kürzesten Wochen- und Lebensarbeitszeiten, die meisten Feier- und Urlaubstage und die geringste Regelarbeitszeit habe. Die Forderung der Gewerkschaften, über Arbeitszeitverkürzung neue Jobs zu schaffen, wertete er als Illusion. Sie sei das Resultat einer gescheiterten Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung. Auch die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) warnte: "An den Nachwirkungen der 35-Stunden-Woche leiden die Unternehmen noch heute", heißt es in einer Erklärung.

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