Politik : „Armut macht einsam“

Grundschüler aus armen Familien bleiben auf Dauer benachteiligt

Matthias Langrock

Berlin. Wer als armes Kind in Deutschland aufwächst, wird sein Leben lang arm bleiben. „Unsere Ergebnisse sind eindeutig“, sagte der Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (Awo), Manfred Ragati, am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung einer Studie von Awo und dem Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS).

Ragati forderte eine veränderte Familien- und Finanzpolitik, um der Entwicklung zu begegnen. Zurzeit gelte: „Aus der Armut gibt es kaum ein Entkommen.“ Für die Studie wurden insgesamt 185 achtjährige Kinder befragt, die in einer Vorgänger-Untersuchung im Jahr 1999 unter 900 Kindern als besonders benachteiligt aufgefallen waren. Habe die erste Untersuchung gezeigt, dass Kinderarmut in Deutschland viel verbreiteter sei als angenommen, beweise die zweite, dass sich dieser Prozess „bis auf wenige Ausnahmen“ verschärfe, je älter die Kinder würden, sagte Ragati.

Die Summe von Ursachen und Folgen der Armut führte in vielen Lebensdimensionen in die Krise. So blieben die schulischen Leistungen unterdurchschnittlich. „Arme Kinder sind wesentlich weniger in die normale Kinderwelt eingebunden“, sagte Gerda Holz vom ISS. Sie könnten mit ihren Altersgenossen nicht ins Kino oder Schwimmbad gehen und sie nicht zu sich nach Hause einladen. Auch zu den „zunehmend überforderten“ Eltern verlören die Kinder frühzeitig den Kontakt. Oft gebe es keine gemeinsamen Frühstücke und keine gemeinsamen Freizeitbeschäftigungen mehr. Materielle Armut führe demnach zu sozialer Isolation, betonte Holz. Am deutlichsten macht sich die Armut der Untersuchung zufolge bei der gesundheitlichen Situation der Kinder bemerkbar. Viele Befragte klagten über chronische Kopf- oder Bauchschmerzen, sagte Holz. Sie sehe die Ursachen für diese Erkrankungen im psychosomatischen Bereich: „Achtjährige Kinder nehmen ihre Armut wahr.“

Ragati forderte Konsequenzen. Staatliche Hilfen knüpften noch immer an die „bürgerliche Maßfamilie“ des 19. Jahrhunderts an. Dieses Modell sei aber nicht mehr realistisch. Der Staat müsse Kinder und Familien stärker einkommensbezogen fördern. Familien sollten bei der Sozialversicherung entlastet werden. Nach wie vor seien Kinder in Deutschland ein „Armutsrisiko“. Zudem müsse der Staat mehr Angebote zur Kinderbetreuung schaffen. Das Investitionsprogramm für Ganztagsschulen sei ein „richtiger Ansatz“.

Positiv bewertete Ragati Ansätze des Hartz-Konzeptes, die allein Erziehenden einen besseren Einstieg in den Beruf ermöglichten. Die Studie habe gezeigt, dass sich die Lebenssituation der Kinder verbessere, wenn ihre Eltern arbeiten gingen. Wer diese Maßnahmen nicht für bezahlbar halte, dem entgegne er: „Was heute als nicht finanzierbar erscheint, spart morgen Milliarden von Euro.“

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