Armut : Südlich der Sahara hat Hunger immer Konjunktur

Europas Regierungschefs denken an die Finanzkrise. Doch ihre Gedanken sollten bei den Armen der Welt sein. Ein Beitrag von Kofi Annan.

Harare
Auf eine Mahlzeit warten diese Kinder in der Nähe von Harare (Simbabwe). -Foto: pa/dpa

Heute, am Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut , werden 10 000 Kinder an Unterernährung sterben. Zudem hungert die ungeheuerliche Zahl von einer Milliarde Menschen. Allein in Afrika werden 300 Millionen Menschen einen weiteren Tag des Hungers erleiden, und die Situation wird sich noch verschlimmern. Die Nahrungsmittelkrise der vergangenen Monate wird jetzt von einer weltweiten Krise der Finanzmärkte verstärkt. In dieser überschlagen sich die Regierungen und internationale Geberinstitutionen, hunderte Milliarden von Dollar in untergehende Banken zu pumpen. Die Welt der Armen hungert.

Während das Auf und Ab der Weltwirtschaft einem konjukturellen Kreislauf unterliegen mag, hat der Hunger in den Ländern südlich der Sahara immer Konjunktur. Er steigt stetig an – erschreckend stetig. Das ist schlicht inakzeptabel. Wir müssen etwas unternehmen, um ihn aufzuhalten.

In Afrika haben Jahrzehnte der Vernachlässigung auf nationaler wie internationaler Ebene zu einem Rückgang der Nahrungsmittelproduktion pro Kopf um zwölf Prozent seit 1980 geführt. Die Getreideproduktion liegt bei einer Tonne pro Hektar – ein Viertel des weltweiten Durchschnitts. Das bedeutet weniger Nahrung für mehr Menschen, mehr Hunger, weniger Hoffnung. Und während sich der Hunger verbreitet, liegt das beträchtliche landwirtschaftliche Potenzial des Kontinents brach. Wir befinden uns an einem Scheideweg: Die weltweite Nahrungsmittelkrise hat der Weltöffentlichkeit die Augen für die Notwendigkeit landwirtschaftlicher Entwicklung geöffnet. Nur so kann in Afrika der Hunger beendet und wirtschaftliches Wachstum belebt werden. Und doch stehen heute die Selbstverpflichtungen des Nordens gegenüber diesen Zielen auf wackligen Füssen. Die globale Finanzkrise droht den politischen Willen noch weiter zu untergraben, der für die Erfüllung der Versprechen gebraucht wird.

Um eine grüne Revolution, ein Erstarken der Landwirtschaft, Wirklichkeit werden zu lassen, müssen die auswärtigen Finanzmittel für die afrikanische Landwirtschaft von derzeit ein bis zwei Milliarden US-Dollar auf etwa acht Milliarden US-Dollar pro Jahr erhöht werden. Doch ausgerechnet in dem Moment, in dem wir mehr in die Landwirtschaft investieren sollten, senkten die OECD-Staaten die offizielle Entwicklungshilfe (ODA) zwischen 2006 und 2007. Im gleichen Zeitraum gaben diese Länder 363 Milliarden US-Dollar für die Subventionierung ihrer Landwirtschaft aus – das ist fast viermal so viel wie sie für Entwicklungszusammenarbeit aufgewendet haben.

Diese Subventionen an die reichsten Bauern der Welt machen es den ärmsten Bauern der Welt unmöglich, im Wettbewerb mitzuhalten. Weder in ihren eigenen Regionalmärkten, geschweige denn auf dem Weltmarkt. Heute ist die Bauernhilfe innerhalb der gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union der größte Einzelposten im gesamten EU-Haushalt. Sie beträgt 43 Prozent des Gesamthaushalts – etwa 40 Milliarden US-Dollar. Als kleines Anzeichen des Wandels verhandelt die EU derzeit allerdings einen Vorschlag, nach dem ein Teil ihrer übrig gebliebenen Subventionen für die Unterstützung afrikanischer Bauern aufgewendet werden soll. Ein Vorstoß dieser Art wäre ein wichtiger Anfang, die Unvollkommenheiten anzugehen, die in der Handelspolitik grassieren.

Die Regierungschefs und Finanzminister der Europäischen Union spielen hier die entscheidende Rolle: Wird die veranschlagte eine Milliarde Euro tatsächlich zusätzlich und zur Erfüllung der kurzfristigen Bedürfnisse der Jahre 2008 und 2009 mobilisiert? Ihre Gedanken sind bei der wirtschaftlichen Krise. Doch wir erwarten von ihnen, dass sie sich der Armen und Hungernden erinnern und dem Versprechen aus dem Monat Juni Taten folgen lassen, einen neuen Fonds zur Unterstützung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern einzurichten.

Sie sollten dies nicht nur tun, weil es das Richtige ist, sondern auch weil es wirtschaftlich sinnvoll ist. Landwirtschaftliches Wachstum ist der Motor für wirtschaftliches Wachstum in Ländern mit geringem Einkommen, wo die Mehrheit der Menschen von der Landwirtschaft lebt.

Heutzutage ist der afrikanische Bauer der einzige Bauer, der das gesamte Risiko allein trägt: kein Kapital, keine Versicherung, keine Preisstützung und kaum irgendeine Hilfe von der Regierung. Das muss sich ändern. Wir müssen die Politik der Vernachlässigung durch ein umfassendes Programm der Unterstützung für afrikanische Kleinbauern ersetzen.

Die Finanzkrise darf keine Entschuldigung für Tatenlosigkeit sein. Wir müssen uns unsere Entschlossenheit bewahren. Wir können Hunger und Armut beenden. Eine grüne Revolution in Afrika, welche die Produktivität von Kleinbauern verdoppelt oder verdreifacht, die biologische Vielfalt bewahrt und in ländlichen Gegenden Einkommen generiert, wird bei der Beseitigung weit verbreiteter Armut und des Hungers wie ein Katalysator wirken. Und als solcher wird sie eine Schlüsselrolle bei der Sicherung eines robusten und belastbaren globalen Ernährungssystems spielen.

Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, die grüne Revolution in Afrika Wirklichkeit werden zu lassen. Die Unterstützung der politischen Entscheider Europas für eine Soforthilfe in Gestalt einer zusätzlichen Milliarde Euro wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Der Autor war von 1997 bis Ende 2006 Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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