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Atomkatastrophe von Fukushima : Mehr Radioaktivität als angenommen

26.05.2012 00:00 Uhrvon
Unter Aufsicht. Kinder werden auf ihre Strahlenbelastung untersucht. Seit April 2011 finden Reihenuntersuchungen statt, die klären sollen, ob bei Kindern aus der Nähe der havarierten Reaktoren erhöhte Werte in der Schilddrüse gefunden werden.Bild vergrößern
Unter Aufsicht. Kinder werden auf ihre Strahlenbelastung untersucht. Seit April 2011 finden Reihenuntersuchungen statt, die klären sollen, ob bei Kindern aus der Nähe der... - Foto: REUTERS

Die Weltgesundheitsorganisation sah bisher kaum Probleme bei der Strahlenbelastung in Fukushima, die Gefahren für die Gesundheit seien überschaubar, hieß es. Doch jetzt muss die Betreiberfirma Tepco die Strahlenmenge deutlich nach oben korrigieren.

Trotz aller Kritik aus der Bevölkerung am Krisenmanagement nach der Atomkatastrophe von Fukushima hat die Regierung nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einiges richtig gemacht. Weil die Bewohner aus der Region unmittelbar um die drei havarierten Atomkraftwerke und schon einen Tag später in einem Umkreis von 20 Kilometern in weiter entfernte Unterkünfte gebracht worden sind, waren die meisten einer relativ niedrigen Strahlenbelastung ausgesetzt.

Außerdem hatte die Regierung Jodtabletten ausgegeben und so bei der Mehrzahl der Betroffenen verhindert, dass ihre Schilddrüse das radioaktive Jod-131 aufnahm, das in den ersten Tagen das größte Risiko darstellte. Jod-131 hat eine sehr kurze Halbwertszeit von acht Tagen, das heißt, innerhalb dieser Zeit zerfällt die Hälfte der Menge.

In einer ersten Abschätzung der WHO heißt es, dass die Strahlendosis in dem Gebiet zwischen 20 und 30 Kilometern von der Atomruine entfernt zwischen zehn und 50 Millisievert Radioaktivität betragen habe. In Deutschland liegt die normale Jahresbelastung im Schnitt bei 2,1 Millisievert. In den Städten der Provinz Fukushima, die weiter als 30 Kilometer von den Reaktoren entfernt sind, lag die Strahlendosis zwischen einem und zehn Millisievert, in den Nachbarprovinzen noch bei 0,1 bis zehn Millisievert.

Allerdings berichtet die WHO in ihrer Studie auch von „Ausreißern“ nach oben. Bei Untersuchungen der Schilddrüse in zwei stark belasteten Städten sind bei einjährigen Kindern Belastungen von 100 bis 200 Millisievert ermittelt worden. Die erlaubte Höchstbelastung für Katastrophenhelfer in Fukushima liegt bei 250 Millisievert im Jahr.

Bildergalerie: Fukushima und die Folgen

Die WHO hat ihre Abschätzungen auf der Basis von öffentlich zugänglichen Daten der japanischen Regierung und der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) errechnet. Nach dem Erdbeben und dem Tsunami am 11. März sind rund um die havarierten Atomkraftwerke sämtliche Messgeräte ausgefallen. Die Berechnung der vermutlich über die Luft freigesetzten Radioaktivitätsmenge beruht auf Rückrechnungen. Es wurden also weiter entfernt liegende Messstellen ausgewertet und aus den dort ermittelten Daten auf den möglichen Verlauf des Unfalls geschlossen.

Wie unsicher diese Daten sind, bewies die Betreiberfirma Tepco am späten Donnerstag, als sie neue Zahlen über die entwichenen Strahlenmengen veröffentlichte. Demnach geht Tepco nunmehr davon aus, dass die Menge der freigesetzten Radioaktivität um 2,5 Mal höher liegt, als bisher angenommen. Die Menge der in den Pazifik freigesetzten Radioaktivität liegt offenbar ebenfalls höher als zunächst berechnet. Auch die WHO geht aufgrund der Messwerte von Meeresprodukten davon aus, dass ein Großteil der Strahlung außerhalb der Provinz Fukushima durch Fisch oder Algen aufgenommen wurde.

Ein Nachweis, dass eventuell höhere Krebsraten auf die Strahlung nach dem Atomunfall zurückzuführen wären, wird auch in Zukunft schwierig sein. Japan hat bereits ohne die radioaktive Belastung sehr hohe Krebsraten. Rund 40 Prozent der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an Krebs. Im Vergleich dazu wird die Gruppe der Fukushima-Betroffenen, die womöglich an Krebs erkranken, statistisch nie groß genug sein, um einen eindeutigen Beweis zu führen.

Allerdings hat die UN-Strahlenorganisation Unscear seit Jahren Krebsstatistiken nach großen Atomunfällen ausgewertet und kommt dabei zu dem Schluss, dass auch geringe Mengen Radioaktivität die Krebswahrscheinlichkeit deutlich erhöhen können. Die entsprechende Studie hätte schon viel früher veröffentlicht werden sollen, sagte Unscear-Chef Wolfgang Weiss der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“. Doch dann kam Fukushima dazwischen. Ende 2013 will Unscear eine Studie über die Auswirkungen der Katastrophe in Japan vorlegen.

Weiss sagte: „Wir haben sehr viel Material, das jedoch nicht immer dieselbe Qualität hat. Man darf nicht vergessen: Fukushima hat nach wie vor den Status ,Unfall’. Die aktuelle Situation in den Reaktoren ist ja alles andere als stabil. Und das Datensammeln ist sehr schwierig, weil ja viel Radioaktivität in den Ozean gelangt ist.“

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