Politik : Atomtransport: Ketten hielten die Züge nicht auf

Nach einer kurzen Blockade in der Südpfalz ist der erste deutsche Atommülltransport seit 1998 am Dienstag zur Wiederaufarbeitung nach Frankreich gerollt. Trotz eines Großaufgebots an Sicherheitskräften war es zwei Demonstranten am Abend bei Hagenbach gelungen, sich an die Gleise zu ketten und den Zug über eine Stunde lang aufzuhalten. Die beiden jungen Leute - ein Mann und eine Frau - wurden von Beamten mit Winkelschleifern losgeschnitten. Anschließend fuhr der Transport ohne weitere Behinderungen über die Grenze nach Frankreich.

Die fünf Behälter aus den Atomkraftwerken Grafenrheinfeld (Bayern), Biblis (Hessen) und Philippsburg (Baden-Württemberg) waren am Dienstag zunächst zum Sammelpunkt im pfälzischen Wörth gekommen. Dort wurden die Waggons zusammengekoppelt, und der Zug setzte am späten Nachmittag seine Fahrt zur Wiederaufarbeitungsanlage La Hague fort. Die Proteste waren bis zur Anreise nach Wörth weit schwächer ausgefallen als vor zwei Wochen bei dem Transport aus Frankreich in das niedersächsische Zwischenlager Gorleben.

In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Bayern waren zusammen über 5000 Beamte im Einsatz. Nach Schätzungen von Greenpeace demonstrierten insgesamt rund 1000 Menschen gegen den Transport nach La Hague. An allen betroffenen AKW-Standorten versuchten Demonstranten, die Atommüll-Züge zu blockieren.

Besonders in Baden-Württemberg kam es am Dienstag zu Protesten. Bei Philippsburg kesselte die Polizei rund dreihundert Demonstranten vorübergehend ein. Beim Einsatz von Schlagstöcken wurden mindestens zwei Menschen verletzt. 30 Atomkraftgegner in Baden-Württemberg müssen wegen Blockaden eine "Wegtragegebühr" zahlen. Grüne Bundestagsabgeordnete kritisierten die bundesweit einzigartige Regelung und kündigten an, Teile der Gebühr zu übernehmen. Die Atomkraftgegner hatten Schienen oder Straßen blockiert und wurden von den Sicherheitskräften weggetragen.

In Bayern seilten sich vier Umweltschützer von einer Fußgängerbrücke zu den Gleisen ab, weitere vier ketteten sich mit Stahlrohren an den Schienen fest. Die Aktion wurde von Ordnungskräften nach einer Dreiviertelstunde beendet.

Der Zug aus Wörth mit insgesamt fünf Behältern ist die erste Atommüll-Fuhre nach Frankreich seit Verhängung eines Transportstopps durch die alte CDU/FDP-Bundesregierung vor drei Jahren. Grund für den Stopp waren überhöhte Strahlenwerte. Damit die Transporte wieder genehmigt werden konnten, mussten die Kraftwerksbetreiber Auflagen erfüllen. Die Betreiber von Biblis und Philippsburg kündigten für die kommenden Monate weitere Transporte an.

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