Politik : Auch was fürs Herz

Menschlichkeit mit einem Schuss Provinz: Warum Hamburg bleiben sollte, wie es ist

Hermann Schreiber

Es war leider Wahlkampf. Die üblichen Verdächtigen säumten plakativ die Straßen, äußerten in den Versammlungen die üblichen Verdächtigungen – mit Hamburg, das ich meine, hatte es nichts zu tun. Allerdings: Ich bin kein Hamburger, ich bin ein „Quiddje“, das heißt, ich lebe und arbeite zwar in Hamburg, und das immerhin seit 40 Jahren, aber ich bin nicht hier geboren, geschweige denn sind meine Vorfahren Hanseaten. Deshalb kann ich nach hiesigen Maßstäben eigentlich gar nicht mitreden – und tue es doch.

Ich habe Hamburg, von ersten Besuchen abgesehen, nie als die Weltstadt erlebt, die es mindestens mal war und wohl auch gern wäre. Die feudalen Dimensionen, die Berlin hat oder München, gibt es hier ohnehin nicht, keine Stadtschlösser, keine königlichen Prachtstraßen. Hamburg ist, abgesehen von Erzbischöfen oder den Schauenburger Grafen, nie freiwillig Fürsten dienstbar gewesen, nur Kaufherren. Der Kommerz ist hier König.

Was mich immer wieder fasziniert an dieser bürgerlichen Stadt, das ist die Vielfalt ihrer Viertel, die Eigenständigkeit ihrer diversen Quartiere. Man zählt in Hamburg amtlich 104 Stadtteile – eine ganze Menge für insgesamt bloß 755 Quadratkilometer Grundfläche, wobei das viele Wasser und über 200 Quadratkilometer Feld, Wald und Wiese schon mitgerechnet sind. Jeder Weg durch diese Stadt bedeutet Grenzüberschreitungen. Es liegen Welten nicht nur zwischen Altona und Wandsbek, die beide selbstständige Städte waren und erst 1937/38 zu Hamburg geschlagen worden sind. Man kommt ja auch in eine völlig andere Gegend, und das in beinah jeder Beziehung, wenn man die paar Kilometer von Harvestehude nach Eimsbüttel hinter sich bringt oder „auf die Uhlenhorst“ geht. Es gibt viele solche Beispiele.

Gewiss sind Hamburgs Quartiere auch durch soziale Schranken getrennt, und deren Höhe bestimmen im Wesentlichen die Mietpreise. Nur darf man daraus nicht schließen, Hamburg sei sozusagen eine Mustersiedlung der Klassengesellschaft. Das ist die Stadt auch nie gewesen, sondern im Gegenteil, wie Helmut Schmidt einmal formuliert hat, eine „großartige Synthese aus Atlantik und Alster, aus Buddenbrooks und Bebel, aus Leben und Lebenlassen“.

Niemand hat Hamburg gesehen, der die Stadt nicht von innen gesehen hat, von ihren Wasserwegen her – nicht nur von Elbe und Alster, sondern von den vielen Kanälen und Teichen, Fleeten und Flüsschen, die Isebek und Osterbek und Tarpenbek heißen und sämtlich befahrbar sind, mindestens mit dem Paddelboot. In dieser Stadt gibt es 2453 Brücken und Stege, mehr als in Venedig. Doch diese Seite zeigt Hamburg nicht her. Man lässt die feinen Viertel von Touristenbussen überrollen und lockt anderswo mit dem Laster.

Nirgendwo habe ich so deutlich wie hier den Wunsch verspürt, die Stadt möge so bleiben, wie sie ist, möge nicht in den Himmel wachsen, sondern ihre dörflichen Quartiere behalten, ihren zeremoniellen Traditionsstolz, ihren selbstgewissen Provinzialismus und ihre kühle, tolerante Menschlichkeit. Was Hamburg jetzt braucht? Besinnung auf sich selbst, denke ich.

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