Politik : Auf dem Weg zur Versöhnung - Johannes Paul II. und das Judentum

Martin Gehlen

Johannes Paul II. charakterisierte es als "ein schwieriges Verhältnis, welches praktisch von den ersten Tagen der Kirche bis zur Gegenwart gestört" war. Mittlerweile haben sich die Beziehungen zwischen Juden und Christen erheblich verbessert. Denn keiner seiner 264 Vorgänger, abgesehen vielleicht von dem Konzilspapst Johannes XXIII., hat sich intensiver für die Versöhnung zwischen katholischer Kirche und Judentum eingesetzt als der Papst aus Polen.

1965: Das Zweite Vatikanische Konzil gibt den wichtigsten Anstoß für eine Neubestimmung im Verhältnis zwischen Katholiken und Juden. In ihrer Erklärung "Nostra Aetate" sprechen die Konzilsväter erstmals offiziell in anerkennenden Worten vom Judentum, betonen die geistliche Verwandtschaft und verurteilen jeden Rassismus.

1979: Johannes Paul II. besucht das Konzentrationslager Auschwitz. Vor der Gedenktafel in hebräischer Schrift im Vernichtungslager Birkenau kniet er nieder, um für das jüdische Volk zu beten. Niemand dürfe in Gleichgültigkeit an dieser Inschrift vorübergehen.

1984: Der Vatikan betont in dem Apostolischen Schreiben "Redemptionis anno" erstmals das Existenzrecht von Israel und Palästina. "Für das jüdische Volk, das im Staat Israel lebt, müssen wir um die gewünschte Sicherheit und die gerechte Ruhe bitten", schreibt der Papst. Aber auch "das palästinensische Volk hat aus gerechtem Grund das natürliche Recht, eine Heimat zu finden."

1986: Johannes Paul II. nimmt als erster Papst in der Synagoge von Rom an einem jüdischen Gottesdienst teil.

1993: Der Vatikan und Israel unterzeichnen einen Grundlagenvertrag. In dem Abkommen verurteilt der Heilige Stuhl "Haß, Verfolgung und jede andere Form von Antisemitismus, gerichtet gegen das jüdische Volk oder einzelne Juden überall, zu jeder Zeit und durch jede Person". Erstmals trifft mit Meir Lau ein israelischer Oberrabbiner mit dem Papst in Rom zusammen.

1994: Der Heilige Stuhl und Israel nehmen diplomatische Beziehungen auf.

1998: Der Vatikan veröffentlicht die Erklärung "Wir erinnern. Eine Reflexion über die Shoah". Dem Kuriendokument, welches Kommentatoren als "streckenweise widerspruchsvoll, ängstlich, apologetisch, halbherzig und rückwärtsgewandt" kritisierten, ist eine persönliche Einleitung von Johannes Paul II. vorgestellt, welche eine ganz andere Sprache spricht. Der Papst nennt "das Verbrechen, dass als Shoah bekannt wurde, einen unauslöschlichen Schandfleck in der Geschichte dieses Jahrhundert".

2000: In seinem feierlichen "Mea Culpa" im Namen der katholischen Weltkirche bittet der Papst das jüdische Volk um Verzeihung für "das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen". Jüdische Vertreter in Israel kritisieren das Bekenntnis als "zu vage", weil der Papst die Vernichtung der Juden während des Zweiten Weltkrieges sowie das Schweigen Pius XII. zum NS-Völkermord nicht ausdrücklich erwähnt hat.

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