Politik : Auf die etwas andere Art Jörg Miege ist Außendienstleiter

eines Sanitätshauses. Er arbeitet mal mehr, mal weniger, obwohl er eine volle Stelle hat.

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Jörg Miege ist 43 Jahre alt und alleinerziehender Vater zweier Kinder. Foto: Georg Moritz
Jörg Miege ist 43 Jahre alt und alleinerziehender Vater zweier Kinder. Foto: Georg MoritzFoto: Georg Moritz

An diesem Donnerstagmorgen räumt Jörg Miege Colaflaschen vom Vorderraum seines Autos nach hinten, schiebt den Kindersitz zur Seite, macht Platz für klumpige orthopädische Schuhe, für Schienen und Prothesen in allen Größen. „Ich arbeite bei einem Familienunternehmen, da muss man schon mal den eigenen Wagen nehmen, wenn alle Dienstwagen im Einsatz sind“, sagt er.

Miege, 43, ist ein kräftiger Mann mit randloser Brille und schnellem Schritt.

Dass er bei einem Familienunternehmen arbeitet, dem Sanitätshaus Koch, bezeichnet er als sein großes Glück. Als Vater zweier Kinder ist er alleinerziehend, seine erste Frau starb nach der Entbindung, seine zweite Frau starb vergangenes Jahr an einer Leberzirrhose, davor war sie lange krank. „Ich war eigentlich immer alleinerziehend“, sagt er.

Er steht jetzt, kurz bevor seine Tour durch die Berliner Krankenhäuser beginnt, im Treppenhaus der Neuköllner Firma, wo sich die Raucher treffen und erzählt davon. Über ihm hat jemand einen Engel an die Wand gesprüht, eine Treppenstufe ist nach der Sekretärin benannt. Nebenan in der Werkstatt ragen künstliche Füße und Beine aus gelben Kisten, stapeln sich Kompressionsstrümpfe, Mitarbeiter fertigen Handprothesen an.

Die Regelung, die Miege mit seiner Firma getroffen hat, beschreibt er so: „Wenn meine Tochter krank ist, bin ich es auch. Wenn es eine Schulaufführung gibt, sitze ich im Publikum und nicht im Krankenhaus.“ In manchen Wochen arbeitet er 60 Stunden, in anderen nur 20, bei vollem Verdienst. „Meine Chefin weiß meine Erfahrung zu schätzen, mein Talent, mit Ärzten zu reden, Aufträge an Land zu ziehen. Es geht ja nicht um das Pensum, sondern um die Qualität meiner Arbeit“, sagt er. Miege ist Leiter des Außendiensts, Chef zweier Mitarbeiter. Damit gehört er zu den wenigen Männern in Führungspositionen, die Teilzeit arbeiten. Teilzeit der etwas anderen Art, bedarfsgerecht, flexibel, auf Zuruf. In Mieges Firma leben viele mit solchen Modellen, 19 Kinder gibt es bei 40 Angestellten. „Auf dem kurzen Dienstweg lässt sich alles besser umsetzen.“

Miege kommt aus einer Osnabrücker Krankenhausfamilie, wie er sagt. Der Vater hat bereits in einem Sanitätshaus gearbeitet, die Mutter war Krankenschwester. Nach der Hauptschule hat Miege eine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker gemacht, sich später spezialisiert auf Handprothesen. Doch eigentlich kann er eines am besten: „Im wahrsten Sinne quatschen, bis der Arzt kommt.“

So wie jetzt im Urbankrankenhaus in Kreuzberg, als er sich vor einer jungen Sportlerin auf die Knie wirft, ihr behutsam die Schiene um den Arm legt und erklärt, dass sie mit ihrem zertrümmerten Ellenbogen zunächst nicht mehr Skateboarden darf. Zum Abschied sagt Miege laut und betont: „Hier, meine Handynummer, Sie können mich jederzeit anrufen. Jederzeit.“ Einer Schweizer Sozialpädagogin mit Knieverletzung verspricht er, sie in Basel zu besuchen, sollte es Probleme mit der Schiene geben: „Ich fahre sowieso bald zu meiner Schwester nach Zürich.“ Das ist die Teilzeit der Führungskraft Jörg Miege.

Stunden später hat er Krankenhäuser in Wedding, Mitte und Neukölln angefahren, mit seinen großen, schnellen Schritten Seiteneingänge passiert, mehr als zwanzigmal telefoniert, er hat Patienten beruhigt und aufgeheitert, Krankenschwestern besänftigt und immer noch nichts zu Mittag gegessen. Als erneut das Telefon klingelt, sagt er erst: „Scheiße“, meldet sich dann freundlich: „Miege?“.

„Den müden, angestrengten Miege muss ich im Auto lassen“, sagt er. Niemand könne einen Griesgram auf der Station gebrauchen. Doch der Tag hat Spuren hinterlassen. Aufgestanden ist Miege um sechs Uhr, hat seine Kinder geweckt, der Tochter im Bad geholfen, Frühstück gemacht, die Tochter zur Schule gefahren.

„Ich muss mir eingestehen, dass es nicht lebbar ist, in meiner Position Teilzeit zu arbeiten oder zumindest ist es ein Tanz auf dem Drahtseil“, sagt Miege plötzlich. Letztlich habe er für gleich viele Aufgaben weniger Zeit als andere. „Es ist kein schönes Gefühl, wenn man bis zu einem bestimmten Zeitpunkt alle Fragen geklärt haben muss, weil man danach einfach nicht mehr erreichbar ist.“ Und wenn nicht einmal Zeit für seine Art der Pause bleibt, „Kaffee/Zigarette“.

„Klar ist da immer die Sorge, dass Kollegen denken könnten, ich arbeite nicht genug. Ich muss eine Art Minderwertigkeitskomplex ausgleichen.“ Und so bringt er seine Tochter mit auf die chirurgische Station, wenn der Hort geschlossen hat, setzte früher seinen Sohn mit dem Nintendo in eine Ecke der Werkstatt und fährt nachts, wenn die Nachbarn auf die Kinder aufpassen, noch zu Hausbesuchen.

Gern würde Miege auf Geld verzichten, Stunden reduzieren, vertraglich fixiert Teilzeit arbeiten. Aber Mieges Firma und das Arbeitsamt finden keinen Ersatz für ihn, keine weiteren Außendienstler, die das können, was Miege kann. Der fühlt sich verantwortlich für die Firma, weil es keine Verträge mit den Krankenhäusern gibt und die jederzeit auf ein anderes Unternehmen umsteigen können.

Miege geht jetzt erneut auf die Knie, passt einem Rentner einen orthopädischen Schuh an. „Mit Ihnen werden wir noch arbeiten müssen“, sagt er. Er lacht – aber viel angestrengter als am Anfang des Tages. Julia Prosinger

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