Politik : Auferstanden aus Ruinen

Hannes Schwenger

"Aus meinem Leben" hieß die Autobiografie, die Erich Honecker - damals noch Staatschef der DDR - 1987 in einem britischen Verlag erscheinen ließ. Das war selbst für einen gelernten Dachdecker hoch gegriffen, egal ob der Titel bei Goethe oder bei August Bebel entliehen war, die vor ihm ihre Erinnerungen so überschrieben. Da bei Honecker Goethes Untertitel "Dichtung und Wahrheit" fehlt, hat er wohl eher an Bebel gedacht. Dessen Memoiren haben zwar keinen Untertitel, nennen aber im Vorwort "Offenheit und Wahrheit die ersten Erfordernisse, andernfalls hat es keinen Zweck, über sein Leben Veröffentlichungen zu machen".

Aber auch das kann nicht Honeckers Motto gewesen sein, der seinen Titel so hintersinnig wörtlich nahm, dass er tatsächlich nur "aus" seinem Leben berichtete: Nämlich alles, was zur eigenen Legende taugte. Alles andere, was seine Bürger schon immer wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten, blieb ausgespart. Etwa sein Anteil am Schießbefehl und an der Ausbürgerung Biermanns, oder jene Details seiner Zuchthausjahre und seiner verschwiegenen ersten Ehe. Sein zweites autobiografisches Buch "Moabiter Notizen" (1994) schweigt darüber ebenfalls, so weit es überhaupt von ihm stammt: "Das Buch, vermutet der Historiker Thomas Kunze, "entstand nicht in Moabit, und es stammt nicht nur aus der Feder von Erich Honecker." Kunze schreibt einen Teil davon Honeckers Schwager und Generalbevollmächtigten Manfred Feist zu.

Legendenbildung in eigener Sache

So bleibt die eigentliche Arbeit an Honeckers Biografie Zeitzeugen und Historikern überlassen. Thomas Kunzes Buch "Staatschef a.D." ist nur eines von dreien, die sich daran versuchen. Reinhold Andert, der einstige DDR-Liedermacher und Gesprächspartner Honeckers "Nach dem Sturz" (so auch sein Buchtitel), liefert vorwiegend kommentierte Nachträge zu seinen bereits erschienenen Gesprächsaufzeichnungen "Der Sturz. Honecker im Kreuzverhör" (1990). Sie sind, anders als diese, von Honecker nicht mehr autorisiert und kolportieren zudem weitere Legenden: Diesmal nicht nur über Erich, sondern auch über Margot Honecker und Anderts Intimfeind Wolf Biermann sowie einstige Parteifreunde in der SED, die Andert 1980 ausschloss.

Anderts dennoch guten Draht zu Honecker verdankte er seiner Bekanntschaft mit dessen Tochter Sonja. Thomas Kunze bezweifelt übrigens die Seriosität seiner Angaben, er habe dem "obdachlosen Ehepaar Honecker den Umzug von Wandlitz nach Lobetal vermittelt. Weder sei Honecker obdachlos gewesen noch habe Andert für Honeckers Aufnahme in Lobetal eine Rolle gespielt.

Das sind Details, die das dritte Buch über Honecker in aller Taschenbuchkürze vernachlässigt: "Erich Honecker. Eine Biografie" von Jan N. Lorenzen, dem Autor der Fernsehdokumentation "Die Sekretäre" über Walter Ulbricht und Erich Honecker. Lorenzen ist auch studierter Historiker - allerdings so jungen Jahrgangs (1969), dass er statt Ernst Reuter Fritz Reuter für den legendären Bürgermeister Berlins hält und seinen Gegenspieler in Ost-Berlin, Fritz Ebert, gar nicht erwähnt. Bei Thomas Kunze kann man dagegen nachlesen, wie Honecker "Ulbrichts Erbfeind Ebert zum amtierenden Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates erhoben (hat), obwohl es diese Funktion laut DDR-Verfassung überhaupt nicht gab". Dunkle Punkte und weiße Flecken gibt es also nicht nur in Honeckers Autobiografie, sondern auch in den ersten Versuchen seiner Biografen.

Etwas mehr Licht bringt Jan Lorenzen in die angeblich von Mielke verheimlichten Details über Honeckers Verhalten in Nazihaft. Was an Verhörprotokollen gefunden wurde, sei "nicht so spektakulär, wie es erst schien", da Honecker mit seinen Angaben bei der Gestapo "niemanden gefährdete, sondern nur sich selbst belastete". 1992 meldete sich aus Israel sogar überraschend eine Mitangeklagte, die sich ihren Freispruch mangels Beweisen nur "dank Honeckers Aussagen und Verhalten" erklären konnte. Warum Honecker allerdings nach seiner eigenen Flucht aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden freiwillig zurückkehrte, bleibt auch für Lorenzen "etwas, was sich jeder Logik entzieht." Auch der des Gefühls? Immerhin ist inzwischen nahezu sicher, dass Honecker 1945 die Ehe mit der zwangsverpflichteten Aufseherin Lotte Grund einging, deren Familie ihn nach seiner Flucht bis zur freiwilligen Rückkehr versteckte.

Honecker erwähnt sie in seiner Autobiografie als "Liebe seines Lebens" ohne nähere Angaben. Dass Honecker in einer Gegendarstellung zu Behauptungen seines einstigen Staatsanwalts Przybylski entsprechende Angaben nicht dementierte, lässt "kaum Zweifel am Bestehen dieser Ehe aufkommen." So sieht es Thomas Kunze, dessen eigentlich auf Honeckers letzte Jahre begrenztes Buch mehr Details bietet als Lorenzens kursorische Biografie.

Kunze präsentiert auch das Originalprotokoll aus dem Militärarchiv Strausberg, in dem Honecker mit seiner Formulierung des Schießbefehls zitiert wird: "Nach wie vor muss bei Grenzdurchbruchsversuchen von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch gemacht werden, und es sind die Genossen, die die Schusswaffe erfolgreich angewandt haben, zu belobigen." Bei ihm findet sich auch der kaltschnäuzige Satz wieder, mit dem Honecker die Frage beantwortet hat, ob ihm die Mauertoten nicht leid täten: "Mir tun unsere 25 Genossen leid, die meuchlings an der Grenze ermordet wurden."

Anderts zweites Buch bietet dem Historiker weniger verwertbares Material. Was er an Indiskretionen und wilden Vermutungen zwischen letzten Honecker-Zitaten einstreut, ist eher Illustriertenfutter: Erich Apels Selbstmord "soll" das Werk eines Stasi-Mordkommandos gewesen sein, die Erfurter "Willy-Brandt"-Rufe 1970 seien von Honecker und Mielke mit Stasi-Leuten inszeniert und aus dem Gästehaus des Staatsrats in Dölln gesteuert worden, Erich Honecker habe mit Oskar Lafontaine "eine Art staatliche deutsch-deutsche Konföderation" geplant.

Auf eine große Biografie Erich Honeckers - vergleichbar der Ulbricht-Biografie von Mario Frank und der Mielke-Biografie von Wilfriede Otto - werden wir also noch warten müssen. Auch sie wird, wie die seiner beiden Weggefährten, noch Lücken aufweisen, wo Akten vernichtet, verschlossen oder so gut verwahrt sind wie seine Urne bei Margot Honecker. Jan Lorenzen hat deshalb doppelt recht, wenn er schließt: "Beerdigt ist Erich Honecker bis heute nicht." Bis dahin berichten auch seine Biografen nur "aus" seinem Leben.

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