Aufstand in Syrien : Angst vor der Revolution

Der Aufstand in Syrien geht weiter, das Töten auch. Trotzdem hat das Regime um Baschar al Assad bis heute großen Rückhalt in der Bevölkerung. Einige haben mehr Angst vor dem, was nach ihm folgen könnte.

Daniel Etter
Anti-Assad Demo in Homs. Einige sind jedoch noch immer unsicher, wo sie stehen.
Anti-Assad Demo in Homs. Einige sind jedoch noch immer unsicher, wo sie stehen.Foto: reuters

Dieses Dorf soll ohne Namen bleiben. Zu groß ist die Angst der Bewohner, dass die Sicherheitskräfte wiederkommen, dass die Männer festgenommen und gefoltert werden, dass sie für immer verschwinden. „Sie können nicht unterscheiden zwischen den Unschuldigen und den Schuldigen“, sagt Abu Hamad, zwischen den Leuten, die bewaffnet Widerstand leisten, und Menschen, die sich plötzlich inmitten eines Aufstandes wiedergefunden haben, den sie so nicht wollten. Abu Hamad, Englischlehrer in Rente, graues Haar und grauer Schnäuzer, braune Lederjacke, zählt sich selber zu den wenigen Unschuldigen.

Das Dorf liegt irgendwo in der syrischen Unruheprovinz Idlib im Nordwesten Syriens. Hier sei jeder auf der Seite der Opposition, sagen sie immer wieder. Und sie meinen damit die Aktivisten, die jede Nacht in einem kleinen, überhitzten Raum Videos ihrer Demonstrationen auf YouTube hochladen; und die Soldaten der vor knapp zehn Monaten gegründeten aufständischen Freien Syrischen Armee, die aus übergelaufenen Mitgliedern der syrischen Streitkräfte besteht. Sie haben jetzt um die Stadt Position bezogen und geben den Bewohnern ein vages Gefühl von Sicherheit. Oder der stets schwarz gekleidete Dorfvorsteher, zu dem die Männer abends kommen, wenn sie ihre Streitigkeiten beilegen wollen.

Aber Abu Hamad zweifelt, ist zerrissen. Er weiß nicht, ob er den Menschen im staatlichen Fernsehen glauben soll oder seinen Nachbarn und Freunden. Seine Zweifel sind ein Beispiel dafür, wie weit die Propaganda des Regimes reicht und wie komplex die Lage in Syrien ist.

Im Haus des Dorfvorstehers liegt ein junger Aktivist auf einem Bett im Wohnzimmer. Die Geister haben versucht ihn umzubringen. Shabiha – Arabisch für Geister – so nennen sie hier die bewaffneten Schlägertrupps des Regimes. Auf der Landstraße haben sie sein Auto beschossen, sechs Kugeln in seinen Körper gejagt. Eine in den rechten Arm, zwei in den Oberkörper, drei in das rechte Bein. Irgendwie hat er überlebt. Ein Nachbar war unter den Shabiha. „Das ist das Resultat des Aufstandes“, sagt Abu Hamad. Die Dorfbewohner sollen gegeneinander aufgebracht werden, das Land in Anarchie gestürzt werden. „Wir müssen zusammenstehen. Das schwächt uns vor dem wirklichen Feind“, sagt er.

Und wer ist das, dieser wirklich Feind? Seine Antwort bleibt vage.

Blutiger Aufstand gegen Assad
18. Juli 2012: Assads Verteidigungsminister Daud Radscha wird bei einem Anschlag der Freien Syrischen Armee in Damaskus getötet.Weitere Bilder anzeigen
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18.07.2012 16:0418. Juli 2012: Assads Verteidigungsminister Daud Radscha wird bei einem Anschlag der Freien Syrischen Armee in Damaskus getötet.

Noch immer haben viele Syrer weniger Angst vor Assad als vor dem, was nach ihm kommt. Und noch immer glauben viele den Äußerungen Assads, in denen er die Opposition als Verschwörung diffuser fremder Mächte abtut, die das Land destabilisieren wollen. Der syrische Präsident Baschar al Assad schürt damit bewusst Ängste vor Israel und den USA. Und er hat damit Erfolg. Selbst hier, in einem Dorf voller Aufständischer, gibt es Männer wie Abu Hamad, die der offiziellen Version glauben – oder zumindest an der Motivation der Opposition zweifeln. Am größten ist die Angst vor der Zeit nach der Revolution unter den schiitischen, christlichen und alewitischen Minderheiten. Sie fürchten sich vor einer Machtübernahme durch die sunnitische Mehrheit.

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