Politik : Auftrag: Mord

Südkorea unterhielt in den sechziger Jahren eine Einheit, die den Diktator in Pjöngjang töten sollte – ein Film erzählt ihren Leidensweg

Harald Maass[Peking]

Südkoreanische Spione, die einst den verfeindeten Norden auskundschaften sollten, treten erstmals an die Öffentlichkeit. Auslöser ist ein Film über eine geheime Spionageeinheit, die in den sechziger Jahren den nordkoreanischen Führer Kim Il Sung ermorden sollte. Im Winter 1968/69, wenige Monate nachdem Südkoreas Regierung in letzter Minute einen Mordanschlag des Nordens verhindert hatte, gründete die Regierung in Seoul die geheime Einheit 684. Die 31 Rekruten waren zuvor in Gefängnissen und auf der Straße angeworben worden. Auf Silmido, einer einsamen Insel im Gelben Meer, durchliefen sie eine brutale Ausbildung. Zur Abhärtung wurden sie geschlagen, gefoltert, und sie lernten den nordkoreanischen Dialekt. Ihr Auftrag: Sie sollten Nordkoreas Diktator Kim Il Sung ermorden.

Doch der staatliche Mordplan, in Seoul jahrzehntelang verschwiegen, wurde von der Politik durchkreuzt. Kurz nach Gründung der Einheit 684 verbesserten sich die Beziehungen zwischen Seoul und dem kommunistischen Nachbarn. Von der Regierung getäuscht und ohne Aussicht, jemals die Insel verlassen zu können, starteten die 31 Rekruten 1971 einen Aufstand. Sie ermordeten ihre Wächter, schlichen sich zurück auf das südkoreanische Festland und flüchteten mit einem Bus in Richtung Seoul. Bevor die Behörden die Männer stoppen konnten, sprengten sie den Bus mit einer Handgranate in die Luft. Die vier Überlebenden wurden 1972 nach einem geheimen Militärprozess hingerichtet. Alle Akten wurden später vernichtet.

Das brutale Umgehen der Regierung in Seoul mit ihren eigenen Bürgern wäre noch immer ein Geheimnis, wenn der südkoreanische Regisseur Kang Woo Seok nicht einen Film darüber gemacht hätte. Mehr als 9,8 Millionen Südkoreaner haben den Spielfilm „Silmido“ seit Dezember gesehen – ein Rekord in der koreanischen Filmgeschichte.

Auch wenn der Film die historischen Ereignisse etwas zuspitzt, ist „Silmido“ für viele Südkoreaner eine längst fällige Aufarbeitung der Vergangenheit. Familienangehörige der damaligen Rekruten und früherer Militäroffiziere haben in den vergangenen Wochen erstmals über die Ereignisse von damals berichtet. „Die Regierung muss die Details veröffentlichen, wie mein Bruder und seine Kollegen gestorben sind“, fordert Chung Ki Bok, dessen jüngerer Bruder zu der Einheit auf Silmido gehörte. Unter dem Druck der Öffentlichkeit gestand Seoul vergangene Woche erstmals die Existenz der Einheit 684 ein. Sieben Rekruten seien damals während des Militärtrainings auf Silmido gestorben, 20 weitere seien beim Aufstand ums Leben gekommen, vier seien hingerichtet worden, erklärte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Vor ein paar Jahren wäre ein solches Eingeständnis der Regierung noch unmöglich gewesen.

Ermutigt durch die Debatte sind nun auch andere ehemalige Spione an die Öffentlichkeit gegangen. Mehr als 7700 Männer und Frauen sollen zwischen 1953 und 1972 im Auftrag der Regierung in Seoul die schwer bewachte Grenze zum Norden überquert haben. Die meisten wurden im Norden entdeckt und hingerichtet. Selbst die, die es zurück in den Süden schafften, bekamen kaum Unterstützung. „Die Einstellung unserer Regierung war, dass wir, nachdem wir unsere Arbeit gemacht hatten, am besten verschwinden sollten“, berichtete der ehemalige Spion Jung Gil Ryong der „New York Times“. Bis vor drei Jahren hatte Seoul bestritten, jemals Spione in den Norden geschickt zu haben.

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