Auftritt bei Beckmann : Auf ein Wasser mit Kandidat Steinmeier

Der SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier spielte bei Beckmann in der ARD das Sandmännchen. Ein Befreiungsschlag wurde es für den Vizekanzler nicht.

Christian Tretbar
Steinmeier
Steinmeier zu Gast bei Beckmann.Foto: dpa

Ungesund war sein Auftritt auf jeden Fall nicht. So viel Wasser wie Frank-Walter Steinmeier bei seinem Solo-Auftritt in der ARD-Sendung Beckmann getrunken hat, dürfte das reinigende, entschlackende Wirkung gehabt haben. Ständig griff er zum Wasserglas gerade so als müsste er wieder einen schweren Brocken runter spülen. Und Steinmeier spülte kräftig. Mal war es Nervosität, die er versuchte dadurch zu verwässern, mal war es der Versuch, die Unterbrechung durch seinen Gesprächspartner zu übertünchen.

Steinmeier blieb sich treu. Auf einfache Fragen, folgten langatmige Antworten. Warum er der bessere Kanzler sei, wollte Beckmann wissen. Und Steinmeier holte aus: bei Henry Kissinger, einem nicht abgeschalteten Mikrofon und der Tatsache, dass er auch zuvor schon „lange mitgemischt hat“. Am Ende landet er wieder am Wasserglas. Die Bitte Beckmanns, in drei kurzen Sätzen zu sagen, um was in seinem Buch „Mein Deutschland“ gehe, quittierte Steinmeier zunächst mit ein paar vorbereitenden Sätzen zum Vorwort, ehe es Beckmann reicht. „Das waren jetzt neun Sätze, ohne das wir wissen, um was es geht“, sagte der empört. Tatsächlich waren es sieben Sätze, ohne das man wusste, um was es geht. Aber die leicht scharfe Intervention von Beckmann hat Steinmeier wenigstens etwas wachgerüttelt. Bildung, die Lehren aus der Finanzkrise und die Bekämpfung der sozialen Spaltung in Deutschland seien die wichtigsten Themen, sagte der Kandidat und griff zum Wasser.

Der große Befreiungsschlag wird der Auftritt bei Beckmann für Steinmeier nicht. Immer noch ist die Tonlage eindimensional. Manches ist spröde, manches gelangweilt. Dass er viel Spaß in seiner neuen Rolle als Wahlkämpfer hat, ist noch nicht zu spüren. Überhaupt sieht auch noch nicht viel nach Wahlkampf aus. Vielleicht ist es aber auch eine perfide Strategie. Denn sicher waren einige Zuschauer ganz dankbar, dass da kein Dampfplauderer zu so später Stunde für unnötige Aufregung sorgte. Gut geschlafen haben die Beckmann-Seher am Montagabend sicherlich.

Viel preisgegeben hat Steinmeier auf jeden Fall nicht. Außer, dass seine Tochter beim Online-Portal SchülerVZ mitmachen darf und dass er am vergangenen Samstag mal wieder bei seiner Familie zu Hause war. Außerdem mag er keine Ruck-Reden. Angestrengt wirkt er. Tiefe Seufzer sind zu hören, wenn Beckmann ihn mal wieder auf den Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz anspricht. Und zu einer Attacke auf Bundeskanzlerin Angela Merkle wird er von Beckmann regelrecht getragen. Erst spricht er davon, dass sie beide unterschiedliche Führungsstile hätten. Dann, dass er von vorne sage, wohin es gehen solle. Und dann, im dritten Anlauf, endlich: „Angela Merkel führt nicht so, wie ich es mir vorstelle“. Er sagt es, zappelt kurz auf seinem Stuhl, die Ohren glühen rot und mit einem Schluck Wasser ist alles wieder gut.

Beckmann weiß natürlich um die Schwäche seines Gegenüber und er will ihn locken, provozieren. Immer wieder verlangt er einfache Sätze, will Steinmeier aus der Reserve holen. „Schröder würde in diesen Krisenzeiten doch längst in den rhetorischen Gummistiefeln stehen“, sagt er. Steinmeier hat aber immer noch die feinen Lederschuhe an, was manchmal auch gut funktioniert. So kontert er Beckmanns Frage nach seiner Meinung zu Schröders Engagement beim russischen Energiekonzern Gasprom feinsinnig mit den Worten: „Ich assistiere ihnen nicht beim Diskreditieren.“

Es sind dies aber die wenigen schelmischen, guten Momente. Nur versteckt, am Ende als es auf Mitternacht zu geht, kommt Steinmeier aus sich heraus. Nicht laut, ohne sein westfälisches Schröder-Timbre einzusetzen, sondern leise. Bedacht, ehrlich, spricht er darüber, dass er bei seinen ersten Auftritten in Bierzelten noch die richtige Mischung finden musste. Sogar über einen Sprachtrainer denkt er nach. Er sagt es im Scherz, aber es schwingt eine Portion Ernst mit.

Am Ende wird Steinmeier doch nochmal konkret. 35 Prozent ist seine Zielmarke bei der Wahl, stärkste Partei will er mit seiner SPD bei der Bundestagswahl im Spätsommer werden. Und alle werden schon noch sehen. All das sagt er zwar mit etwas lauterer Stimme, aber in derselben Tonlage wie alles andere. Der erhobene Zeigefinger wirkt noch etwas kraftlos. Vielleicht wäre es Steinmeier lieber gewesen, Beckmann wäre noch dazugekommen, mit ihm über die Beatles und die Rolling Stones zu sprechen. Doch da war der Wasserkrug schon leer. Beim nächsten Mal, sagt Steinmeier. Dann aber bitte bei Wasser mit Sprudel.

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