Politik : Aus den Reden zum Festakt - Wolfgang Thierse

Wolfgang Thierse

Heute vor zehn Jahren war das ostdeutsche Volk der Held. Seinem Druck mussten die SED-Herrschaften nachgeben. Seine entschlossene Friedfertigkeit und seine grenzenlose Begeisterung bestimmten den Charakter der geschichtlichen Stunde.

Über diesem vielleicht glücklichsten Tag der Deutschen in diesem Jahrhundert sollen und dürfen wir die anderen Erinnerungen nicht vergessen, die sich mit dem Datum des 9. November verbinden. An diesem Tag rief Philip Scheidemann 1918 von einem Balkon dieses Hauses die erste deutsche Republik aus. An diesem Tag versuchte Hitler 1923 in München seinen ersten Putsch. An diesem Tag begann 1938 in vielen deutschen Städten die systematische Verfolgung und Vernichtung der Juden.

Alle vier Anlässe des Gedenkens und Erinnerns, die an jedem 9. November zusammenkommen, mahnen uns, wie prekär Demokratie sein kann, wie schnell der Abgrund zwischen Zivilgesellschaft und barbarischer Diktatur überwunden werden kann, wie leicht verspielt werden kann, was wir uns an Menschenwürde und Freiheit erstritten haben und gesichert glauben.

Wir haben diese Chance, nachdem wir uns zur Europäischen Integration nicht nur bekennen, sondern auch aktiv daran mitarbeiten; wir haben diese Chance als gleichberechtigtes Mitglied der Nato und als Mitglied der Vereinten Nationen mit allen Rechten und Pflichten, denen wir auch nachkommen. Wir haben diese Chance, weil vor zehn Jahren die ostdeutsche Selbstbefreiung in einer friedlichen Revolution gelungen ist. Nutzen wir sie!

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